
„Generation Deutschland“ auf völkischem Kurs
Erster GD-Landesvorstand NRW in Iserlohn gewählt
Die alten Social-Media-Kanäle der im März 2025 aufgelösten Jungen Alternative wurden umbenannt und intensiv bespielt, Matthias Helferichs Wahlkreisbüro in Dortmund diente als zentraler Treffpunkt für die Reorganisierung der AfD-Jugend, und die umtriebige Irmhild Boßdorf (Rhein-Sieg-Kreis) organisierte Wanderungen und Vortragsabende für den Nachwuchs. Als Unterstützer tat sich auch Sven Tritschler (Köln) hervor, der sich keinem Lager zurechnen lassen möchte („kein Lager seit 2013“), tatsächlich aber längere Zeit dem Vincentz-Lager zugerechnet werden konnte, sich dann aber dem Helferich-Flügel zugewendet hat.
Das Lager um Vincentz hingegen musste sich eine eigene „Jugendmannschaft“ zusammenstellen und neue Medienkanäle aufbauen, was jedoch nur mäßig gelang. Die langfristige Bindung der Parteijugend im völkischen Lager verschaffte diesem einen enormen Startvorteil. Hinzu kamen die Erfahrung der Nachwuchspolitiker sowie die bereits vorhandene mediale und räumliche Infrastruktur. Diese Voraussetzungen führten schließlich in Iserlohn dazu, dass das völkische Lager einen Sieg auf ganzer Linie einfahren konnte.
Durchmarsch der Helferich-Jugend
Den Auftakt zum Desaster für Vincentz, der mit seinem Bodyguard angereist war, bildete die Niederlage von Manuel Krauthausen (Aachen), der Luca Hofrath (Mülheim) bei der Wahl des Landesvorsitzenden mit 34,8 zu 65,2 Prozent deutlich unterlag. Die zuvor absehbare Zweidrittelmehrheit der Völkischen im Saal sollte sich in den Folgeabstimmungen fortsetzen. Vincentz’ kurzes Gastspiel war zu diesem Zeitpunkt bereits beendet, denn angesichts der aussichtslosen Lage hatte er den Saalbau Letmathe noch vor der Abstimmung verlassen und einen zerknirschten Krauthausen hinterlassen, der seine Enttäuschung gegenüber Vincentz in einem WDR-Interview deutlich formulierte. Dabei war der selbsternannte „arische Talahon“ aufgrund zahlreicher Skandale ohnehin nicht der Wunschkandidat von Vincentz. 2014 wurde er wegen rassistischer und gewaltverherrlichender Posts aus dem Polizeidienst entlassen, kürzlich machte er Schlagzeilen durch die Verbreitung antisemitischer Verschwörungserzählungen.
Der Wahlerfolg der Völkischen im Stellvertreterkonflikt zwischen Vincentz- und Helferich-Jugend hatte sich bereits beim GD-Gründungskongress im November 2025 in Gießen abgezeichnet. Dort wurden aus NRW Patrick Heinz (Kreis Mettmann) und Cedric Krippner (Köln) in den Bundesvorstand gewählt, während die Vincentz-nahen Kandidaten deutlich unterlagen. Die eilig zusammengestellte Nachwuchstruppe des ehemaligen AfD-Landesvorstandes konnte in Iserlohn keinen einzigen Posten erringen. Der Vollständigkeit halber sei sie dennoch erwähnt: Dem Führungstrio Manuel Krauthausen, Manuel Linnemann (Kreis Soest) und Maurice Stefan (Bochum) wurden Chris Schaldach, Christian Wening, Nils Lieberknecht, Monique Trump, Michele Bala, Diana Matheus, Luis Held und Dennis Kremer zur Seite gestellt.
„Wer sich distanziert, verliert“
Der zum GD-Landesvorsitzenden gewählte Hofrath wird seit Jahren von Helferich aufgebaut. Er bekennt sich zum sogenannten „Vorfeld“, das er in Zusammenwirken mit der AfD als „Mosaikrechte“ versteht. Für ihn gilt das „neurechte“ Credo „Wer sich distanziert, verliert“. Um dies zu unterstreichen, besuchte er am 25. Januar 2025 die „Studientage“ in Schnellroda – gemeinsam mit dem stellvertretenden GD-NRW-Vorsitzenden Marius Dusza (Kreis Recklinghausen). Dusza, der sich gerne als rechtsintellektuell inszeniert, verfügt über eine illustre Vergangenheit in der Hooliganszene von Schalke 04. Der zweite Stellvertreter Nico Grimm (Köln), drehte vor einigen Jahren in Schnellroda ein Kurzvideo mit dem neuen Landesvorstandsbeisitzer Gerald Christ (Bonn), der dem engeren Umfeld der mittlerweile aufgelösten IB-Nachfolgeorganisation Revolte Rheinland angehört. Am 19. August 2023 nahm er an einer Petersberg-Wanderung dieser Gruppierung teil und agierte dabei als Fotograf. Fotograf ist auch der neue stellvertretende Finanzbeauftragte Michael Arens (Kreis Warendorf), der bereits beim Gründungskongress in Gießen in dieser Funktion tätig war und unter dem Pseudonym „kraft.und.werk“ seine Arbeiten veröffentlicht.
Der gewählte Finanzbeauftragte Enrique Feldhaar (Kreis Lippe) tanzte drei Tage nach dem Verbot der völkischen Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung e. V. mit Mitgliedern dieser Gruppierung in der Detmolder Fußgängerzone – bekleidet mit Lederhose und Wollpullover. Er verfügt nach Angaben lokaler Szene-Beobachter*innen über enge Kontakte in die gewaltbereite Neonaziszene und fiel bereits dadurch auf, dass er gemeinsam mit dem jetzigen stellvertretenden GD-Landesvorsitzenden Felix Hampe (Kreis Lippe) nach einer Ratssitzung in Horn-Bad Meinberg eine SPD-Ratsfrau und deren Begleiterinnen bedrohte und sich dafür am 8. Juni vor dem Amtsgericht Detmold verantworten muss. Feldhaar und Hampe waren es auch, die Björn Höcke Ende Februar bei seiner NRW-Tour zu den Externsteinen führten und dort einen Empfang organisierten.
Die Schriftführerin Thea Huhmann (Kreis Mettmann) ist die einzige Frau im GD-Landesvorstand und gehört – wie Michael Arens – eher zu den öffentlichkeitsscheuen Personen. Sie ist die Partnerin von Patrick Heinz (Kreis Mettmann), extrem rechter Maskulinist und in Gießen zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden der GD gewählt. Als Beisitzer gehören auch der DB-Burschenschafter Jeremy Franosch (Düsseldorf), Leon Biallawons (Bochum) und Jan Pioch (Kreis Heinsberg) dem Vorstand an.
Sturz von Vincentz missglückt
Schaut man sich die Zusammensetzung des GD-Landesvorstands an, so ist die JA-NRW-Nachfolgeorganisation keineswegs von ihrer menschen- und demokratiefeindlichen Ausrichtung abgerückt. Wenig überraschend fanden sowohl die konstituierende GD-Landesvorstandssitzung am 19. Januar als auch die im Februar abgehaltene „Siegesfeier“ der GD in Helferichs Wahlkreisbüro statt. Beim AfD-Landesparteitag im März in Marl konnte Helferich dann zwar mehr seiner Anhänger in den AfD-Landesvorstand bringen, Sieger blieb jedoch Vincentz (siehe Artikel in dieser Ausgabe). Die Jugend, die nach eigenen Angaben rund zehn Prozent der Delegierten stellte, positioniert sich klar gegen ihren Landesvorsitzenden. Die teils scharfen Angriffe zwischen den Lagern haben tiefe Gräben hinterlassen. In manchen Kreisverbänden sind daraus parallel existierende Jugendstrukturen hervorgegangen, die nun um Nachwuchs konkurrieren. Mit einer Versöhnung ist nicht zu rechnen.