Gamze Kubaşık (rechts).

„Wir haben uns nicht gebeugt, sondern unsere Stimme erhoben.“

Interview mit Elif und Gamze Kubaşık

Seit 20 Jahren kämpfen Elif und Gamze Kubaşık für die Erinnerung an ihren Ehemann und Vater Mehmet Kubaşık, für Aufklärung, Gerechtigkeit und Konsequenzen aus dem NSU-Komplex.

Liebe Elif, liebe Gamze, wir treffen uns wenige Wochen vor dem 4. April 2026. Was bedeutet der 20. Jahrestag des Gedenkens an Mehmet für euch?

Gamze: 20 Jahre klingt nach einer sehr langen Zeit, doch der Verlust meines Vaters fühlt sich nicht nach Vergangenheit an. Der Schmerz ist geblieben, vielleicht leiser geworden, aber nie verschwunden. Dieser Jahrestag ist für mich Erinnerung, Trauer und die Gewissheit, dass mein Vater immer fehlen wird. Es gibt dafür keine passenden Worte. Manche Wunden heilen nicht und sie werden nie heilen.

Elif: Mehmets 20. Todestag hat eine sehr große Bedeutung für uns. Einerseits ist es für uns sehr schwer, denn wir haben unsere Familie, den liebsten Menschen, den Vater unserer Kinder verloren. Andererseits wollen wir, dass er niemals vergessen wird. Denn Mehmet hat das nicht verdient, er war ein herzensguter und unglaublich liebevoller Mensch. Er liebte seine Familie und seine Kinder. Wir möchten, dass jedes Jahr davon erzählt wird und wir gemeinsam weiter gedenken.

Die Demonstrationen „Kein 10. Opfer“ in Kassel und Dortmund 2006, waren – auch aus heutiger Perspektive – sehr wichtig für die Erinnerung und die Forderung nach Aufklärung. Wie blickt ihr heute darauf zurück?

Gamze: Die erste Demonstration nach dem Mord an meinem Vater und nach dem Mord an Halit Yozgat fand in Kassel statt und wurde von der Familie Yozgat mitorganisiert. Bis heute kann ich kaum beschreiben, wie sich das angefühlt hat, an diesem Tag dort zu sein. Der Schmerz und der Verlust waren noch so unfassbar frisch.

Elif: Die Demonstrationen waren wichtig. Nach dem Mord an Halit Yozgat habe ich mich mit der Polizei in Kassel in Verbindung gesetzt und die Telefonnummern der Angehörigen verlangt. Ich wollte unbedingt mit seiner Familie sprechen. Ein paar Wochen später rief İsmail Yozgat an, er würde eine Demonstration organisieren und wir sollten kommen. Wir sind dann auch mit mindestens zehn Autos hingefahren, wir mussten einfach dorthin. Und zurück in Dortmund bin ich dann auch aktiv geworden. Ich habe ein Plakat mit der Aufschrift „Kein 10. Opfer“ erstellt. Ich habe sie auf Türkisch und Deutsch gedruckt und bin selbst losgezogen, habe Latten und Nägel gekauft und die Plakate selbst angebracht. Meine Freunde und Freundinnen haben mir geholfen. Dann sind wir rausgegangen und haben mit den Vereinen und Leuten gesprochen, aber natürlich hatten die meisten Angst und haben nichts unternommen. Die Menschen in unserer Umgebung sahen uns zu dieser Zeit misstrauisch an. Es wurde ja erzählt, dass Mehmet zur Mafia gehört hätte und so weiter. Außerdem war die Art seines Todes sehr schlimm, er wurde mit einem Kopfschuss getötet. Deshalb wollte uns niemand zu nahe kommen. Trotzdem nahmen in Dortmund etwa 500 Leute an der Demo teil.

Gamze: Die Demonstration in Dortmund haben wir veranlasst, weil die Situation für uns als Familie immer unerträglicher wurde. Nicht nur der Mord an meinem Vater, den wir nicht verarbeiten konnten, belastete uns, sondern auch die Kriminalisierung. Wir mussten uns rechtfertigen und wurden verdächtigt. Oft hatte ich das Gefühl, dass uns niemand glaubt. Auf der Straße wurden wir angesprochen und beschimpft. Es war eine sehr schwierige Zeit für uns. Meine Mutter sah keinen anderen Ausweg mehr. Mit der Demonstration wollte sie ihre Stimme erheben und den Menschen sagen, dass wir nicht die Täter sind. Heute bin ich dankbar für ihre Stärke und für ihren Mut. Die Demonstration hat dazu beigetragen, dass wir als Familie den Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit weitergeführt haben. Wir haben uns nicht gebeugt, nicht geschwiegen.

In der Mehrheitsgesellschaft hörte euch kaum jemand zu und auch die Polizei hat euch nicht geglaubt. Dabei wusstet ihr noch vor allen anderen, dass die Täter Nazis gewesen sein mussten.

Elif: Die Zeit war schlimm für uns. Es vergingen mehr als fünf Jahre. Manche Leute schauten uns hasserfüllt an. Aber auch wir gingen mit Misstrauen durch die Straßen. Wenn jemand mit dem Fahrrad fuhr oder mit einem Hut und einem Rucksack unterwegs war, blieb ich stehen. Ich habe gewartet, bis diese Person vorbeigegangen war, ich wechselte die Straßenseite. Denn es wurde immer davon gesprochen, dass die Täter mit einem Fahrrad gekommen waren. Die Polizei suchte nach Querverbindungen zwischen den Opfern. Wir beschäftigten uns damals noch nicht mit Nazis, aber betonten, dass es um Ausländerfeindlichkeit gehen könnte. Es gab auch einen Artikel in einer deutschen Zeitung. Sie fragten mich nach dem Motiv. Ich sagte, wir haben mit niemandem Feindseligkeiten, das kann man bis heute sagen. Mehmet ist so ein liebenswürdiger und makelloser Mensch, der keinen Hass kannte. Wir konnten uns das einfach nicht erklären. Warum Mehmet? Ich habe gesagt, es könnte Rassismus sein, sonst nichts.

Erst nach der sogenannten Selbstenttarnung des NSU fand das Gedenken an Mehmet Kubaşık sowie an die weiteren Opfer dieses rechtsterroristischen Netzwerks größere Beachtung. Wie nehmt ihr die Entwicklung des Gedenkens in Dortmund heute und rückblickend wahr?

Gamze: Das Gedenken in Dortmund hat sich seitdem spürbar verändert. Vor allem begann eine Zeit, in der wir als Familie mehr Unterstützung erfahren haben. Es wurde möglich, gemeinsam mit Menschen zu gedenken, die uns begleiten, stärken und uns gerade an diesen schwierigen Tagen nicht alleine lassen. In Dortmund gründete sich damals auch ein Bündnis, das an meinen Vater erinnerte. Daraus sind Begegnungen, Bekanntschaften und auch Freundschaften entstanden, die uns bis heute tragen. Solidarität bedeutet uns sehr viel. Die Zeit vor der Selbstenttarnung war ganz anders: Es gab kaum Unterstützung. Mit unserem Schmerz standen wir oft isoliert da. Die Entwicklung des Gedenkens zeigt für mich daher beides: den Schmerz über das, was so lange gefehlt hat, und die Dankbarkeit für die Menschen, die bis heute erinnern, unterstützen und an unserer Seite stehen.

Aufklärung und Konsequenzen sind zentrale Forderungen von euch. Wie seht ihr aus heutiger Perspektive, was bisher passiert ist?

Elif: Rückblickend bin ich sehr enttäuscht. Es wurde nichts unternommen, oder? Natürlich habe ich alles schon vor Gericht gesagt. Ich möchte, dass diese Angelegenheit aufgeklärt wird. Nur sehr wenige wurden sehr gering bestraft. Bei den Tätern und Helfern handelt es sich nicht nur um die Zschäpe, es steckt viel mehr dahinter. Sie hat natürlich eine zentrale Rolle, aber ich glaube nicht, dass man ohne Hilfe von anderen solche Taten begehen kann. Es war nicht nur das sogenannte Trio, sondern ein Netzwerk. Ich frage mich auch bis heute, warum Neonazis noch bis vor sieben Jahren, 2019, an unserem Haus in der Dortmunder Nordstadt vorbeiziehen durften. Ich frage mich bis heute, ob in einer dieser Demonstrationen Mitwisser oder Mittäter liefen. Ich habe keine Hoffnung, dass dieser Staat das aufklären wird.

Gamze: Unsere Forderungen nach Aufklärung sind bis heute unverändert. Es gibt Hinweise und Belege dafür, dass es weitere Unterstützer und Helfer gab. Vieles davon wurde im Prozess vor dem Oberlandesgericht München nicht ausreichend berücksichtigt. Für uns bleibt die bittere Realität, dass zentrale Fragen offen und Konsequenzen ausgeblieben sind. Besonders schwer wiegt für uns der Umgang mit den Akten. Wichtige Unterlagen wurden vernichtet. Andere werden bis heute unter Verschluss gehalten. Wir fordern, dass diese Dokumente endlich offengelegt und unseren Anwältinnen und Anwälten zugänglich gemacht werden. Die Fragen, die uns seit Jahren begleiten, sind weiterhin unbeantwortet: Was wussten die staatlichen Stellen? Warum wird uns so vieles verheimlicht? Warum fehlt es an Transparenz und Konsequenzen? Dennoch werden wir weiter dafür kämpfen, dass die Ermordeten und wir Angehörigen Gerechtigkeit erfahren. Wir werden so lange weitermachen, bis es echte Aufklärung und spürbare Konsequenzen gibt. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass Aufklärung nicht allein durch Ermittlungen entstehen wird. Sie braucht gesellschaftlichen Druck, eine klare Haltung und den gemeinsamen Willen nach Gerechtigkeit. Vor allem aber braucht es politisches Handeln. Und genau dieses entschlossene Handeln haben wir Familien über die Jahre hinweg zu oft vermisst.

Trotz der enttäuschenden Erfahrungen im Münchner NSU-Prozess setzt ihr euch für Aufklärung, Erinnerung und eine kritische Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex in der Gesellschaft ein. Was gibt euch Kraft weiterzukämpfen?

Elif: Ich denke an den Menschen, den ich liebe. Wir haben uns geliebt und geheiratet, wir hatten schöne Erinnerungen, aber alles blieb unvollendet. Es wurde uns genommen. Wir lebten in Schmerz, und die Zeit nach Mehmet war für mich wie ein Schlag. Ich habe mich alleine um die Kinder gekümmert und versucht, sie großzuziehen. Wenn Mehmet ein schlechter Mensch gewesen wäre, hätte ich den Kampf vielleicht nicht ausgehalten. Aber er war ein Mensch, der uns liebte. Die Beziehung mit ihm gibt mir heute noch Kraft. Wenn ich besser Deutsch gekonnt hätte, hätte ich mich noch anders wehren können. Hätte ich vielleicht anders gekämpft.

Gamze: Was mich weiterkämpfen lässt, ist die Verantwortung gegenüber den Ermordeten und unseren Familien. Wir werden nicht zulassen, dass eine Mittäterin in ein Aussteigerprogramm aufgenommen wird, solange sie die Wahrheit verweigert und nicht zur Aufklärung beiträgt. Gemeinsam mit Semiya Şimşek, der Tochter von Enver Şimşek, sowie Mandy und Michalina Boulgarides, den Töchtern von Theodoros Boulgarides, haben wir eine Petition gestartet, die in kurzer Zeit über 150.000 Menschen unterschrieben haben. Diese große Resonanz hat gezeigt, dass unser Anliegen von vielen Menschen geteilt wird, die unsere Forderungen nach Gerechtigkeit unterstützen. Wir als Angehörige wollen kein Aussteigerprogramm als Ersatz für Verantwortung. Wir wollen Aufklärung. Solange es keine echte Aufklärung gibt, darf es keine Vorteile für die Mittäterin und ihre Unterstützer*innen geben.

Gamze, du gehst als politische Bildnerin an Schulen. Im Sommer 2025 hast du zusammen mit Semiya Şimşek ein Jugendbuch über die Geschichte eurer Väter, über eure Freundinnenschaft und die Geschichte eures gemeinsamen Kampfes veröffentlicht. Da steckt viel Kraft drin. Warum sind die Bildungsarbeit und das Buch so wichtige Projekte für dich?

Gamze: Seit über vier Jahren gehe ich in Schulen und spreche mit jungen Erwachsenen und Lehrkräften über den Mord an meinem Vater, über die Verbrechen des NSU und über die falschen Verdächtigungen und Ermittlungen, denen meine Familie und ich ausgesetzt waren. Dieser Schritt war für mich selber alles andere als leicht. Fast zwei Jahre habe ich gebraucht, um mich dazu zu entscheiden. Ich hatte viele gemischte Gefühle, den starken Wunsch, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und gleichzeitig die Frage, ob ich das emotional schaffen und wie meine Worte aufgenommen werden würden. Heute kann ich sagen, dass ich dankbar bin, diesen Weg gegangen zu sein. Es ist jedes Mal schwer, über das Geschehene zu sprechen, aber ich erlebe, dass es bei den Jugendlichen ankommt. Viele der Schülerinnen und Schüler, mit denen ich spreche, waren noch nicht mal geboren, als mein Vater ermordet wurde. Gerade deshalb ist es wichtig, ihnen davon zu erzählen. Sie haben das Recht darauf zu erfahren, was in unserem Land geschehen ist. Erinnerung und Wissen sind Voraussetzungen dafür gesellschaftlich mitzugestalten, Verantwortung zu übernehmen und wachsam zu sein. Denn rassistische Gewalt gehört nicht nur der Vergangenheit an. Auch nach der sogenannten Selbstenttarnung des NSU haben sich Morde und Anschläge fortgesetzt. Ich möchte nicht, dass mein Vater vergessen wird. Ich möchte nicht, dass die Taten vergessen werden. Und ich möchte, dass diese Geschichte, die Geschichte der schwersten rassistischen Morde in Deutschland – und ihrer Folgen –, ihren festen Platz in den Schulen und Schulbüchern bekommt.

Eure Kämpfe haben viele andere Betroffene von rechter Gewalt empowert. Was bedeutet die Vernetzung mit anderen Betroffenen rechter Gewalt für euch?

Elif: Wir teilen das gleiche Schicksal. Auch ihre Väter, Brüder und in einigen Fällen ihre Geschwister wurden getötet. Einige waren unverheiratet. Das gleiche Schicksal gibt uns Kraft. Besonders die Haltung von Gamze und Semiya gefällt mir sehr gut. Ihre Arbeit. Ist es nicht auch eine Frage des Teilens? Sie verstehen unseren Schmerz. Wir verstehen, was ihr Schmerz bedeutet. Weil wir wissen, dass wir unschuldig sind. Man verteidigt sich selbst.

Gamze: Wir gehören zu den Angehörigen, die über Jahre hinweg alleine gelassen wurden. Ohne ausreichende Unterstützung. Stattdessen wurden wir mit Verdächtigungen konfrontiert. Nicht nur die Morde an unseren Vätern haben unser Leben erschüttert, sondern auch die Verletzungen ihrer Würde und unserer Ehre. Umso bedeutender ist heute die Vernetzung mit anderen Betroffenen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. Aus dieser Verbindung ist ein bundesweites Solidaritätsnetzwerk entstanden. Ein Zusammenschluss von Angehörigen und Überlebenden sowie Initiativen und Bündnissen, die sich gegenseitig stärken, sichtbar machen und gemeinsam ihre Stimme erheben. In den vergangenen Jahren haben wir gemeinsam erinnert und gehandelt. Wir haben Gedenkveranstaltungen organisiert, Demonstrationen begleitet, Veranstaltungen und wichtige Fachtage gemacht. Jeder und jede von uns führt einen eigenen, sehr persönlichen Kampf. Doch zugleich verbindet uns ein gemeinsamer Grund: der Einsatz für Wahrheit, Anerkennung und Gerechtigkeit. Dieser gemeinsame Kampf gibt uns Kraft, besonders jenen, deren Leid bis heute nicht anerkannt oder nicht ausreichend sichtbar ist. Vernetzung bedeutet für mich deshalb Solidarität, Schutz und Stärke. Sie bedeutet, nicht mehr alleine zu sein.

Was wünscht ihr euch für das Gedenken an Mehmet in der Zukunft?

Gamze: Ich wünsche mir vor allem ein würdiges und respektvolles Gedenken an meinen Vater. Der 4. April sollte ein Tag sein, der ihm gewidmet ist, besonders in Dortmund. Dortmund ist der Ort, an dem sich mein Vater zu Hause gefühlt hat. Hier hat er gelacht, gearbeitet, Freundschaften geschlossen. Deshalb trägt diese Stadt eine besondere Verantwortung für die Erinnerung. Mein Wunsch ist, dass dieses Gedenken nicht nachlässt, sondern lebendig bleibt. Ich hoffe, dass wir auch in Zukunft von vielen Menschen begleitet werden, von Menschen, die an unserer Seite stehen, uns unterstützen und mit uns gemeinsam gedenken. Erinnerung bedeutet für mich nicht nur zurückzublicken. Erinnerung bedeutet Zusammenhalt, Mitgefühl und die klare Haltung, dass weder mein Vater noch die anderen Opfer jemals vergessen werden.

Elif: Ich möchte, dass Mehmet niemals in Vergessenheit gerät. Selbst wenn uns niemand mehr unterstützen würde, haben wir uns geschworen, weiterhin an ihm festzuhalten und zu gedenken. Wir haben so viele schöne Erinnerungen an ihn.

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