
Freie Schulen in der Südpfalz
Wie die Esoterik dem Faschismus die Tür öffnet
In Landau wollen Esoteriker:innen mitsamt Umfeld eine eigene Schule gründen. Nach Berichterstattung sagten zwar die seriösen Expert:innen ihre Teilnahme an einer Auftaktveranstaltung der Initiative Campus Neuland ab und der Stadtvorstand kündigte jedwede Kooperation auf. Doch die Schulgründung bleibt rein rechtlich möglich und Antifaschist:innen sind alarmiert. Auch, weil es sich bei der „Freien Schule Landau“ nicht um einen Einzelfall in der Region handelt.
Das Konzept der Esoterik
Die Esoterik basiert auf einer Absage an Rationalität und Wissenschaft. Sie bietet ideologische Konzepte zur Lebensgestaltung und einfache Erklärungen. Verkaufen lässt sich das sehr erfolgreich über den großen Vokabelschatz der Gefühle – die Emotion entscheidet. Viele Ansätze basieren auf einem manichäischen, also unveränderlichen und eindeutigen, Bild von Gut und Böse in der Welt, Feindsetzungen inbegriffen. Im spirituell-esoterischen Bereich setzt man meist auf Wiedergeburt und Karma als Erklärungsgrundlage, auch geht es hier im Ernstfall wenig empathisch zu. Selbst schuld, wer sich beim Inkarnieren im Körper verwählt hat. Krankheiten sollen als Prüfung auf dem Weg in höhere Ebenen dienen und wer diese Ebenen nicht erreicht, der gehört eben nicht dazu. Auf vermeintliche Magie bezogenes Denken und Verschwörungsglaube sind in der Anhängerschaft der Esoterik weit verbreitet.
Die Wissenden und Sehenden pflegen ihren Elitismus auch mit sozialdarwinistischen Einstellungen. In diese Kategorie gehört die von Rudolf Steiner erdachte Anthroposophie. Steiner legte Wert auf einen christlichen Glaubenssatz und bastelte zusätzlich in die göttliche Entstehungsgeschichte der Welt das Märchen von Atlantis. Anders hätte er seine Rassentheorie von den „Wurzelrassen“ und Ariern wohl kaum erklären können. Er geht bei der Schuldfrage auf Nummer sicher und bietet beide Lösungen: Entweder bist du selbst schuld, wegen Karma – und wenn das nicht funktioniert, gibt es ja noch die Juden.
Die Situation in Landau
Campus Neuland, als Veranstalter des letztlich abgesagten „Bildungssymposium – Was braucht eine NEUE Schule“, ist eine von Angelika Schoppe-Mungai und Franz Schoppe betriebene Veranstaltungs- und Vernetzungsplattform. Dort finden sich offensichtlich fragwürdige Workshops wie „Morphokybernetik“ oder „Geomantie“ neben neopaganen Jahresfesten wie der Sonnenwende oder Samhain. Campus Neuland ist eine Ergänzung zum sogenannten Gesundheitszentrum Panakeia in Landau.
Auf dem zu Panakeia gehörenden Blog veröffentlicht Schoppe-Mungai persönliche Gedanken und ihre Inspirationsquellen. Dazu zählen André Stern, ein Promi der Freilerner- und Schulpflichtgegnerszene und Gerald Hüther, der ADHS für eine rein psychische Erkrankung hält, die pädagogisch behandelbar sei. Die angestrebte Schulgründung wird ausdrücklich auf die pädagogischen Ansichten von Stern und Hüther bezogen. Noch problematischer sind die positiven Erwähnungen des Verschwörungsunternehmers Daniele Ganser mit pressefeindlichen Aussagen, die Bezugnahme auf Ricardo Leppe (LOTTA #92), „Christina von Dreien“ (Christina Maier) und das „Manifest der Neuen Erde“.
Ein ideologisches Traktat
Das „Manifest der Neuen Erde“ wurde 2020 von Catharina Roland und „Coco Tache“ (Corinne Tâche-Berther) erdacht, erschien 2022 im Saarbrücker Verlag Neue Erde und wurde 2023 in Zürich mit eigenem Kongress gefeiert. Das Manifest stellt einen alternativen Gesellschafts- und Staatsentwurf vor. Demnach soll der Staat von einem eingesetzten Weisenrat geführt werden. Neben weiteren Größen des esoterisch-spirituellen Unternehmertums wie Dieter Broers, Ruediker Dahlke, Christina von Dreien, Esther Nicola Good Holthoff, Daniele Ganser und Patric Pedrazzoli, soll nach den dort geäußerten Vorstellungen auch Ricardo Leppe Teil dieser Führungsriege sein.
Das personelle Umfeld des „Manifests der Neuen Erde“ hat ideologische und personelle Überschneidungen zur völkischen, rassistischen und antisemitischen Anastasia-Bewegung. Aus antifaschistischer Sicht bieten ihre ideologischen Annahmen weitere Angriffspunkte: Die sogenannten Weisenräte werden lediglich benannt. Wer sie einsetzt oder kontrolliert, bleibt offen. Das Familienbild entspricht biologistisch-reaktionären Bildern von Mann und Frau, wobei entsprechende Eigenschaften den Körpern fest zugeschrieben sind. In den kleinen Siedlungen als idealer Lebensform, die Selbstversorgung und Autonomie verheißen, sollten Kinder naturnah aufwachsen und eine allgemeine Schulpflicht gibt es nicht. Wissenschaft, Kultur und Bildung müssten zusammen gedacht werden und auf der esoterischen Annahme beruhen, alles sei miteinander verbunden.
Die kirchliche Fachstelle der Schweiz für Religionen, Sekten und Weltanschauungen, schreibt dazu auf „relinfo.ch“:
„Das Manifest beruht sehr explizit auf weltanschaulichen esoterischen respektive alternativ-spirituellen Lehren, die als ‚Universelle Prinzipien’ in den Rang von unhinterfragbaren Dogmen erhoben werden. Die Staatsform könnte deshalb aus kritischer Sicht […] als ‚Esokratie‘ bezeichnet werden.“
Pressefreiheit wird in dem Manifest zwar propagiert, meint aber vor allem, „darüber zu berichten, die Menschen dabei zu unterstützen, in ihre volle Kraft zu kommen“ (S. 174). Verpflichtend sollen neopagane Jahresfeste abgehalten werden.
Anknüpfungspunkte für die extreme Rechte
Wie in der Szene der Esoterik üblich, werden auch im Manifest die Vokabeln „bewusst“, „achtsam“, „natürlich“, „ganzheitlich“, „organisch,“ angewandt, um die Wissenschaftslosigkeit auch sprachlich emotional zu „manifestieren“. Immerhin, so schreiben es auch die Autorinnen Pia Lamberty und Katharina Nocun in ihrem Buch „Gefährlicher Glaube“, verspreche die Esoterik nicht einfach Lösungen, sondern Erlösung.
Für die extreme Rechte bieten sich Anknüpfungspunkte durch die Themen Ökologie, Siedlungskonzepte, Natürlichkeit, alternative Heilmethoden, esoterischer Freiheitsbegriff, reaktionäre Geschlechterrollen und Antifeminismus, Abschaffung der Schulpflicht, Autonomie, autarke Selbstversorgung, unkontrollierte Macht der Weisenräte und beispielsweise die Verpflichtung zu neopaganen Jahresfesten. Über den Glauben an Verschwörungserzählungen und ein Weltbild von Gut und Böse sind die Anhänger:innen der Esoterik offen für gemeinsame Feindbilder. Die Absage an Wissenschaft und Pressefreiheit spielt der extremen Rechten ebenfalls in die Hände.
Die Reaktion von „Panakeia“
Die durch Panakeia abgegebenen Stellungnahmen nach der kritischen Berichterstattung zeichnen ein erschreckendes Bild: Sowohl die „Gesundheitsbotschafter“ Schoppe-Mungai und Schoppe als auch der weitgehend anonyme Rest der Gründungsinitiative scheinen sich von einer gemeinsamen Realität mit der Gesellschaft verabschiedet zu haben. Eine rational basierte Selbstkritik war nicht zu erwarten, aber die völlige Kritikunfähigkeit überrascht dann doch. Schoppe-Mungai beschwerte sich über die angeblich schlecht recherchierten Zeitungsartikel und monierte, dass der Presse die benannten, vermeintlich „international anerkannten Forscher“ nicht bekannt seien. Mit den Medien reden wollten beide nicht. Entsprechende Anfragen, sowohl der VRM-Verlage als auch der Lokalzeitung Rheinpfalz, wurden nicht inhaltlich beantwortet.
Die Gründungsinitiative nahm zudem eine Opferhaltung ein und fragte, warum ihr die Öffentlichkeit schon zu einem so frühen Zeitpunkt der Organisierung auf die Finger schaue. Zur Erinnerung noch einmal die Faktenlage: Eingeladen zur Auftaktveranstaltung als Speakerin war auch Andrea Zemp. Sie ist Teil von zenbi in der Schweiz, die Lernbegleitende unter anderem in Telepathie und Schetinin-Pädagogik schulen. Man ist personell mit Campus Neuland überschnitten und trägt mittlerweile dieselbe Adresse als Impressum. Die Website strotzt von Rechtschreib- und Grammatikfehlern, in die KI-Illustration der Freien Schule Landau sind im Boden verlaufende Energielinien eingebaut. Diese Menschen wollen eine Grundschule eröffnen, sie wollen Zugriff auf Kinder, staatliche Anerkennung und Finanzierung.
Sie grüßen mit „Hei…“
Es handelt sich bei der Freien Schule Landau nicht um einen Einzelfall in der Region. Ein weiteres Schulprojekt bringt ein Artikel der Lokalzeitung Rheinpfalz vom 10. Juni 2026 ins Spiel. Bei der für Genehmigungen zuständigen Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion ADD in Rheinland-Pfalz wurde von einem Förderverein der Antrag zum Betrieb einer weiterführenden integrierten Gesamtschule in Landau gestellt. Zuvor wurde in der Nähe von Landau und Annweiler am Trifels eine freie Grundschule aufgebaut, die als pädagogisches Folgeangebot auf den Bauernhof-Waldkindergarten Waldwichtel am Josefshof im Schuljahr 2022/23 an den Start ging. Diese ehemaligen Waldwichtel in Völkersweiler grüßen jetzt mit „Hei…“ auf der besagten Homepage der Freien Bauernhof-Waldschule Südpfalz. Die Punkte deuten eine fehlende Endung an, die man wohl lieber nicht ausschreibt.
Der Josefshof, als Betreiber der ganzen Liegenschaft außerhalb des Dorfes, organisiert eine Vielzahl an Veranstaltungen, die alle Nischen der Esoterik bedienen. Vom Juniorchef des Hofs, Axel Burkard, gehen diverse Vereinsgründungen aus. Dass auf dem Josefshof Anthroposophen gastieren, kann nicht überraschen, denn der eigene Rinderzuchtbetrieb erfolge bio-dynamisch. Bekannt ist, dass einer von Burkards Vereinen, Allmende Südpfalz, neopagane Sonnwendfeiern auf dem Hof abhält.
Mittlerweile ist die Grundschule staatlich anerkannt und die Initiator:innen streben eine eigene weiterführende Schule für ihren Nachwuchs an. Diese Idee wurde bereits 2023 in einem Artikel der Rheinpfalz publik gemacht. Interviewt wurde damals auch eine Mutter, die mit ihrer Familie extra aus Baden-Württemberg zugezogen war. Der Zeitung verriet sie: „Ich habe die Homepage gesehen, wir sind hergefahren, und hier hat sich gleich alles richtig angefühlt.“ Damit ist sie nicht die einzige Familie, von weiteren Zuzügen aus Berlin und Nordrhein-Westfalen ist die Rede.
Wie weiter?
In Reaktion auf die Situation in Landau organisierte das Offene feministische Treffen, OFEMI, in Landau kurzfristig den Vortrag „Völkische Siedler und Rechte Esoterik“ mit der Journalistin Hanna Poddig. In dem von der Naturfreundejugend RLP und dem Verein für Toleranz und Menschlichkeit Südpfalz unterstützten Vortrag beschrieb Poddig die Anastasia-Bewegung und die Überschneidungen der Szenen und Anknüpfungspunkte in bislang vermeintlich oder tatsächlich unpolitische Teile der Gesellschaft. Damit wurden erste Ansätze einer Sensibilisierung der Öffentlichkeit geleistet, um den geschilderten Bestrebungen etwas entgegenzusetzen. Es bleibt eine wichtige Herausforderung für die antifaschistische Arbeit, weiter in die kritische Diskussion über die vermeintlich unpolitische Esoterik zu gehen und Aufklärung dazu in verschiedene Bereiche der Gesellschaft zu tragen.