Obdachlosenfeindlichkeit und sozialdarwinistische Gewalt
Eine Einleitung in den Schwerpunkt
Anpassung. In einer solchen Sichtweise kommt eine sozialdarwinistische Einstellung zum Ausdruck, die Menschen anhand ihrer ökonomischen Nützlichkeit und Leistungsfähigkeit bewertet.
Wer über keine Wohnung verfügt und seinen Lebensmittelpunkt auf der Straße hat, ist Anfeindungen und Gewalt verstärkt ausgesetzt und hat wenig Möglichkeiten sich zu schützen. Mehr als die Hälfte der auf der Straße lebenden Menschen hat seit Beginn der Wohnungslosigkeit Gewalt erfahren, ist dem „Wohnungslosenberichts 2024“ zu entnehmen. Gewalt erfahren sie auch von Personen, die aus einer sozialdarwinistischen Einstellung heraus handeln.
Zuletzt haben wir uns in LOTTA #51 in einem Schwerpunkt mit dem Thema auseinandergesetzt. Die Gruppe der Wohnungs- und Obdachlosen bezeichneten wir damals als „vergessene Opfer rechter Gewalt“. Seitdem hat sich immerhin geändert, dass in der polizeilichen Statistik sowohl das Opfermerkmal „Obdachlosigkeit“ als auch die Hasskriminalitätskategorie „sozialer Status“ eingeführt wurden. Gleichwohl bleibt das Dunkelfeld bei Gewalt gegen Wohnungs- und Obdachlose groß. Nicht geändert hat sich, dass sich das gesellschaftliche Interesse an diesen Gewalttaten und den Motiven, aus denen die Täter*innen heraus handeln, gering ist. Aktuell sehen wir eine sich verschärfende politische Situation: Die Bundesregierung macht keine Anstalten, die existierende Wohnungskrise tatsächlich zu entschärfen, sondern verfolgt obendrein einen Kurs des sozialen Kahlschlags. Empathie mit Armen und gesellschaftlich schwachen Gruppen ist bei ihr kaum bemerkbar. Zugleich geht der Aufstieg der extremen Rechten mit der Verbreitung von sozialdarwinistischen Narrativen und gesellschaftlicher Entsolidarisierung einher.
Den Schwerpunkt eröffnet ein umfassender Artikel von Merle Stöver. Sie legt dar, wie Gewalt gegen Obdachlose vielfach auf sozialdarwinistischen Motiven der Täter gründet, die Taten aber dennoch entpolitisiert werden.
Den langen historischen Linien der Verfolgung von vermeintlich „Leistungsunwilligen“ bzw. „Leistungsunfähigen“ spürt Anke Schmidt nach. Sie zeigt auf, wie heute die AfD die Entsolidarisierung mit den „Unwürdigen“ zu ihrem Programm erklärt.
Aus der Beratungspraxis berichten Niklas Weitekamp und Maurice Uhrmann über die statistische Untererfassung politisch motivierter Gewalt gegen Obdachlose und über die Hürden, die Gewaltbetroffene daran hindern, Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Tim Sonnenberg zeigt auf, dass Wohnungslosigkeit in der Lokalpolitik nicht nur als soziale Notlage, sondern zuvorderst als ordnungspolitisches Problem verstanden wird. Die auf dieser Sichtweise aufbauenden Maßnahmen stärken Ausgrenzung und Herabwürdigung.
In Dortmund engagiert sich die Initiative „Schlafen statt Strafen“ gegen die Verdrängung und Kriminalisierung von Obdachlosen. Im Interview berichten dort Aktive über ihren Ansatz.