„Bruderschaft Hessen“ mit Solishirts bei einem Aufmarsch in Bad Nenndorf.

„Freiheit für Philip“

Hessische Unterstützung für „Reichstrunkenbold“ und Waffentransporteur

Philip Tschentscher wurde letzten Sommer im Zusammenhang mit dem österreichischen Neonazi-Kulturverein „Objekt 21“ festgenommen und im Januar zu drei Jahren Haft verurteilt. Das „Objekt 21“ ist Teil eines deutsch-österreichischen Netzwerkes, Tschentscher war in diesem Netzwerk ein nicht unwesentlicher Protagonist. Dem „fliegenden Händler“, Liedermacher und „Reichstrunkenbold“ wurden NS-Wiederbetätigung und Verstoß gegen das Waffengesetz vorgeworfen. Aufgeflogen war er, als er eine Pistole über die deutsch-österreichische Grenze schmuggeln wollte. Hessische Neonazis haben zwischenzeitlich eine Solidaritätskampagne für ihn organisiert.

Philip Tschentscher wurde letzten Sommer im Zusammenhang mit dem österreichischen Neonazi-Kulturverein „Objekt 21“ festgenommen und im Januar zu drei Jahren Haft verurteilt. Das „Objekt 21“ ist Teil eines deutsch-österreichischen Netzwerkes, Tschentscher war in diesem Netzwerk ein nicht unwesentlicher Protagonist. Dem „fliegenden Händler“, Liedermacher und „Reichstrunkenbold“ wurden NS-Wiederbetätigung und Verstoß gegen das Waffengesetz vorgeworfen. Aufgeflogen war er, als er eine Pistole über die deutsch-österreichische Grenze schmuggeln wollte. Hessische Neonazis haben zwischenzeitlich eine Solidaritätskampagne für ihn organisiert.

„Ich möchte ein unpolitisches Leben führen und mir in Deutschland was aufbauen”, gab der 32-Jährige vor dem Urteilsspruch an. Nachdem er im Oktober 2013 als Zeuge beim Prozess gegen das neonazistische Netzwerk Objekt 21 im oberösterreichischen Wels ausgesagt hatte, verließ er noch mit den Worten „Lasst euch nicht unterkriegen, Jungs. Alles für Deutschland!“ den Gerichtssaal. Dass Tschentscher der Szene tatsächlich den Rücken kehrt, ist mit Blick auf seine lange Karriere und sein breites Unterstützungsnetzwerk zweifelhaft.

Philip Tschentscher sorgte erstmals Mitte der 90er Jahre für Aufsehen. An einem 20. April kam er anlässlich des Geburtstags von Adolf Hitler mit Bart und Scheitel in die Schule, sein Auftreten untermauerte er mit Parolen. Damals war er Teil einer kleinen, aber umtriebigen Szene im nordhessischen Hofgeismar, unweit von Kassel. In den folgenden Jahren lernte er den in der Region lebenden Rechtsterroristen Manfred Roeder kennen. Roeder nahm sich seiner an und eröffnete ihm den Weg in eine Naziszene abseits von NPD und Aufmärschen. Tschentscher war nun immer öfter – auch bei Ver­an­staltungen – auf dem „Reichshof“ in Schwarzenborn bei Roeder anzutreffen. Während dieser 2002 in Rostock vor Gericht stand und verurteilt wurde, veröffentlichte Tschentscher den Rund­brief von Manfred Roeders Deutscher Bürger­initiative.

Im gleichen Jahr zog es Tschentscher nach Erfurt. Dort fand er problemlos Anschluss und wurde Teil der Kameradschaftsszene, galt als Agitator und Organisator. 2003 trat er bei der „Dritten Süd-Westthüringer Runde freier Nationalisten” in Dillstädt als Redner für die Kameradschaft Frei­heits­kämpfer Erfurt auf. Drei Jahre später soll er (Mit-)Organisator der Jahreshaupt­ver­sammlung der Hilfsgemeinschaft für nationale politische Gefangene und deren An­gehörige (HNG) gewesen sein.

2006 war Tschentscher zeitweise wieder in Hofgeismar gemeldet, zu seinem 25. Geburtstag sollten die ihm nahe­ste­hen­den Bands Agitator, SKD, Celtic Dawn, Ehre und Stolz sowie Treue und Schwur und Julmond in Nordhessen aufspielen. Da­raus wurde jedoch nichts, Polizei und Bürgermeister verhinderten das Konzert, zu dem sich rund 80 Neonazis aus Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen auf den Weg gemacht hatten.

Internationale Vernetzung

Doch Tschentscher wollte nicht nur regional agieren. Beispielhaft für die deutsch-österreichische Zu­sam­men­ar­beit, in die er eingebunden war, ist die Deutsch-Russische Friedensgesellschaft Europäischen Geistes, der zu Beginn der Österreicher Herbert Schweiger vor­stand. Ein Blick auf die anfänglichen Pro­tagonisten macht deutlich, welche Spektren sich in diesem Verein mit Sitz in Thüringen vernetzten. Schweiger, ehemaliges Mitglied der Waffen-SS, war noch bis zu seinem Tod 2011 in der Naziszene aktiv. Weiterhin waren der in der Neonaziszene vielseitig aktive Thors­ten Heise, NPD-Aktivist Patrick Wieschke und der HDJler Steffen Henn­rich, „Verantwortlicher“ der Heimat­treuen Deutschen Jugend in Thüringen, in der Gründungszeit mit leitenden Auf­gaben betraut. Bei der Gründung im August 2006 war auch Tschentscher anwesend.

Danach wurde es ruhiger um Tschent­scher, er blieb jedoch Teil der Szene. Als Liedermacher und „fahrender Händler“ pflegte und knüpfte er weiterhin Kontakte. In einem Kon­zertbericht von 2006 ist noch die Rede von dem Liedermacher „Philip“, der im Objekt 21 für ausgelassene Stimmung sorgte. 2009 veröffentlichte Tschen­tscher dann unter dem Namen „Reichs­trunkenbold“ seine erste CD „Viel Asche um Nichts“, auf deren Cover ein KZ-Krematorium abgebildet ist. Die Texte der CD lassen keine Zweifel: Be­kenntnisse zum Nationalsozialismus, rassistische und antisemitische Mord­phan­tasien finden sich ebenso wie Glori­fi­zierungen des neonazistischen Unter­grunds. 2010 legte er mit der CD „Der Untergrund stirbt nie“ nach. Auf dieser befindet sich ein Bonustrack, der live in der „Waffenschmiede“, dem Konzert­raum des Objekt 21, aufgenommen wurde.

Sein zweites Standbein war der Handel mit allem, was in der Neonazi-Szene begehrt ist. Auf seinen Reisen durch Italien, Österreich und Deutschland vertrieb Tschentscher alles, von CDs bis hin zu diversen mit eindeutigen Symbolen versehenen Gegenständen, wie Armbinden, Fahnen und Geschirr. Die Geschäfte schienen zu lohnen. Bereits 2010 kaufte er in Görschen (Sachsen-Anhalt) ein Haus, das auch mehrfach von überregionalen Neonazis besucht wurde. Die (Mit)Bewohner sind ebenfalls bekannte Neonazis. Martin Christel führt den neonazistischen Black-Metal-Versand Pesttanz, die Adresse des Versands ist ebenjene in Görschen. Der zweite Bewohner, Timo K., soll auch in die (Rotlicht-)Geschäfte des neonazistischen Objekt 21 in Öster­reich eingebunden gewesen sein.

Die Hessen-Connection

Tschentscher blieb der hessischen Szene stets verbunden. So finden sich nicht nur im Booklet seiner ersten CD diverse Grüße an „die Hessen“, 2012 nahm er auch in Hessen an einer Demonstration teil. Nachdem er das letzte Mal 2004 in Wunsiedel gesehen worden war, marschierte er beim Fackelmarsch der JN im November 2013 in Hünfeld bei Bad Hersfeld mit.

So war es auch eine Freundin aus Bad Hersfeld, die im vergangenen Juni, nach seiner Verhaftung, die Facebook-Seite „Freiheit für Philip“ erstellte und ihr Privatkonto zum Spendensammeln nutzte. Außerdem ließ sie Soli-Shirts drucken, mit denen AktivistInnen der Bruderschaft Hessen beim Aufmarsch im August in Bad Nenndorf aufliefen. Unterstützung gab es auch von jenseits der hessischen Grenzen. In Braun­schweig organisierten Neonazis der Aktions­gruppe 38 eine Soli-Party, der rech­te Liedermacher Oiram gab an, einen Teil der Einnahmen seiner CD zu spenden.

Der Lebenslauf und Werdegang Tschentschers sowie sein breites Kon­takt­netz zeigen, wie stark er mit der Na­zi-Szene verwoben ist. Sein Schuldeingeständnis und seine Ausstiegsbekundungen brachten ihm ein mildes Urteil.

Das Beispiel Tschentscher macht einmal mehr deut­lich, dass militante Neonazis abseits der Öffentlichkeit Netzwerke aufbauen und pfle­gen und darüber hinaus nicht (mehr) oder kaum in Erscheinung treten. Umso wichtiger ist es, auch diesen Bereich im Blick zu behalten.

Hintergrundartikel zum Objekt 21

www.jungewelt.de/2013/11-29/009.php

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