Das Gelände des ehemaligen „Zigeunerlagers“
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Das „Zigeunerlager“ Lety

Von antirassistisch motiviertem Revisionismus

Die Schweinefarm auf dem Gelände des ehemaligen KZ Lety ist endlich beseitigt (vgl. die Artikel in LOTTA #59, S. 61 f. und #68, S. 53), ein neuer Gedenkort in Planung. Doch die Debatten um das „Zigeunerlager“ in Lety u Písku, etwa 80 Kilometer südlich von Prag, nehmen kein Ende. Dabei geht es nicht nur um das Lager selbst, sondern auch um die Deutung des nationalsozialistischen Genozids an den Rom*nja und Sinti*zze im Allgemeinen.

„Im Lager in Lety wurden während der Zeit, in der Josef Janovský die Funktion des Lagerkommandanten erfüllte, schwere Körperverletzungen, Tötungen aus Unachtsamkeit, in der letzten Phase auch ein Genozid begangen“, lautet die erste von zwölf Thesen, die der deutsche Journalist Markus Pape in seiner 1997 erschie­nenen und bislang einzigen Monographie zum ehemaligen „Zigeunerlager“ in Lety u Písku aufstellte. Mit der „letzten Phase“ sind die Monate August 1942 bis Januar 1943 gemeint, in denen das Zwangslager in Lety u Písku als eines von zwei „Zigeunerlagern“ im „Protektorat Böhmen und Mähren“ diente. Janovský wurde Ende Januar 1943 abberufen und durch den Kommandanten des zweiten „ZL“ im Protektorat namens Stepan Blahynka ersetzt. Das Lager wurde im Mai 1943 aufgelöst.

„Ich hatte keine Lust“

„Forscher behauptet, dass die Tschechen tausende Zigeuner ermordeten“, titelte am 5. Mai 1994 The Decorah Journal. Es war der erste Artikel über das Lager in Lety, der in den USA erschien. Seine Grundlage bildete eine Erzählung von Paul Polansky, einem Genealogen aus Iowa, der zufällig im Archiv im tschechischen Třeboň über die Dokumente aus dem Bestand des ehemaligen Lagers gestolpert war. Die Erzählung hatte er in Anlehnung an das, was er aus den Dokumenten mit Hilfe von mehr oder minder zufällig ausgewählten Übersetzungen entnommen zu haben meinte, verfasst. „Ich hatte keine Lust, mich mit dem Schreiben eines Lehrbuches zu belasten“, erklärte er später seine Vorgehensweise. In den Folgejahren profilierte sich Polansky als einsamer, aber unaufhaltbarer Kämpfer gegen eine „Verschwörung“ der tschechischen Regierung und des tschechischen Historikers Ctibor Nečas, der die grundlegendesten Fakten zum Lager bereits 1973 veröffentlichte.

Fakten

Fakten jedoch sind in der Debatte um Lety bislang eher spärlich. Fakt ist, und damit haben sowohl Pape als auch Polansky Recht, dass im „Zigeunerlager“ in Lety Hunderte Menschen aufgrund ihrer Gefangenschaft ihr Leben verloren. Auch stimmt es, dass die meisten von ihnen starben, während Janovský Lagerkommandant war. Auch lässt sich nicht leugnen, dass der in Tschechien weit verbreitete und offen zur Schau gestellte Antiziganismus den Nährboden für immer wiederkehrende Gewalt gegen Menschen bildet. Doch ebenso zu den Fakten, die sich nicht leugnen lassen, zählt der historische Kontext: Seit März 1939 war das, was nach der Münchner Konferenz von der Tschechoslowakei übriggeblieben war, von Nazi-Deutschland besetzt, und die auf dem Papier zugesicherte „Autonomie“ der Tschechen schwand Stück für Stück. Dieser Umstand spiegelt sich auch deutlich in der Entwicklung des Lagers in Lety wider — genauer: in der Entwicklung der Lager in Lety u Písku.

Vom „Arbeitserziehungslager“…

In Lety u Písku und Hodonín u Kunštátu wurden im Sommer 1940 „kárné pracovní tábory“ (KPT), errichtet, die in ihrer Funktionsweise den nationalsozialistischen „Arbeitserziehungslagern“ ähnelten. Beide Lager sollten laut Regierungsbeschluss aus dem Frühjahr 1939 dazu dienen, vermeintlich „arbeitsscheue“ volljährige männliche Personen zu „Arbeit“ und einem „ordentlichen Leben“ zu erziehen. Die Häftlinge wurden im Straßenbau eingesetzt, und entlassen wurde, wer sich in den Augen des Lagerkommandanten „gebessert“ hatte. Der Beschluss zur Errichtung der KPT war das Produkt einer langjährigen gesellschaftlichen Debatte in der Tschechoslowakei und wurde vor dem Einmarsch Nazi-Deutschlands gefasst. Die Nazis gestatteten großzügig die Umsetzung des Beschlusses. Die Verantwortung für dieses Lager lässt sich somit in einer nationalstaatlich geordneten Welt problemlos als „tschechisch“ beschreiben.

Im Frühjahr 1942 wurden die bisherigen KPT jedoch in „Sammellager“ umgewandelt. Die rechtliche Grundlage hierfür war die Verordnung Nr. 89/42 Sb. „über die vorbeugende Verbrechensbekämpfung“, eine Kopie des im Deutschen Reich seit 1937 geltenden gleichnamigen Erlasses. Das Lager war nun eingebunden in die nationalsozialistische „Asozialen“-Verfolgung, über die Insassen wurde „Vorbeugehaft“ verhängt — dieselbe „Vorbeugehaft“, die auch über Gefangene anderer nationalsozialistischer Konzentrationslager verhängt wurde. Die Entscheidungsgewalt über die Gefangenen des Lagers ging an die Kriminalpolizei über. Diese wiederum befand sich in Umstrukturierung mit dem Ziel, jeder „Zweigleisigkeit“ von tschechischen und Okkupationsbehörden ein Ende zu setzen. An die Spitze aller Behörden sollten Deutsche treten, Tschechen nur noch deren Erfüllungsgehilfen sein.

…zum „Zigeunerlager“

Im Sommer 1942 erfolgte schließlich die Umwandlung der Lager in Lety und Hodonín in „Zigeunerlager“ (cikánské tábory, CT). Die Grundlage für die Einweisung von Personen bildete der am 24. Juni 1942 von Horst Böhme, SS-Standartenführer und Befehlshaber der SiPo und des SD in Prag, herausgegebene Erlass zur „Bekämpfung des Zigeunerunwesens“. Derjenige Horst Böhme, der auch an der Vernichtung des Dorfes Lidice in Vergeltung des Attentats auf Reinhard Heydrich federführend beteiligt war. Befohlen wurde eine „Erfassung aller Zigeuner, Zigeunermischlinge und nach Zigeunerart lebenden Personen“ für den 2. August 1942. Auf diese Erfassung folgte die Einweisung eines Teils der Betroffenen in die neu errichteten „Zigeunerlager“. In das auf maximal 300 Personen ausgelegte Lager in Lety wurden nun innerhalb weniger Tage über 1.100 Menschen jeden Geschlechts und Alters gepfercht. Die Bedingungen im Lager, von der Unterbringung über fehlende Kleidung und mangelnden Zugang zu Wasser sowie nicht ausreichende Ernährung in Kombination mit Zwangsarbeit, führten dazu, dass 327 Gefangene im Lager starben. Die Lagerakten vermerken als Todesursache unterschiedliche Krankheiten, von Lungenentzündung bis Bauch- und Flecktyphus. Überlebende berichteten von Folter mit Todesfolge durch Mitglieder des Wachpersonals.

Vorläufige Definitionsmacht

An der „Zigeunererfassung“ Anfang August waren auch tschechische Gendarmen in großer Zahl beteiligt. Deren Entscheidung darüber, ob eine Person als „Rassezigeuner“ oder „Mischling“ in eines der beiden „Zigeunerlager“ einzuweisen sei, war jedoch nur eine vorläufige. Explizit regelte die Verordnung, dass die endgültige Entscheidung über die „Rassezugehörigkeit“ bei der Kriminalpolizei lag. Von Interesse war dieser Vorbehalt für die Besatzer einerseits, weil die Definition von „Zigeuner“, die die tschechischen Polizeibehörden seit spätestens 1927 verinnerlicht hatten, keinesfalls identisch mit der nationalsozialistischen Definition eines „Rassezigeuners“ war, andererseits unterstrich der Vorbehalt auch die Einschränkung der Handlungsmacht der tschechischen Gendarmerie durch die Besatzer.

Endgültige Entscheidung

An der endgültigen Entscheidung über das Schicksal Einzelner arbeitete die Kriminalpolizei in Prag seit August 1942 schrittweise. Auch wenn der genaue Prozess der Entscheidungsfindung bisher nicht geklärt werden konnte, nahm die Entscheidung offenbar einige Zeit in Anspruch. Eine klare Sprache sprechen die Entlassungsbefehle, die die Kriminalpolizei in Prag ausstellte: Der einzige Entlassungsgrund lautete „kein Rassezigeuner“. Im Zuge der Auflösung des Lagers im Sommer 1943 entstanden folgerichtig zwei Verzeichnisse: Das „Verzeichnis der Zigeuner“, die Anfang Mai 1943 aus Lety nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden, und das „Verzeichnis der als Nicht-Zigeuner anerkannten Personen“. Viele der hier Aufgeführten wurden nach ihrer Entlassung als „Asoziale“ weiterverfolgt.

Unabhängig davon, ob die Entlassenen weiterer Verfolgung ausgesetzt waren oder nicht, illustriert der Entlassungsvorgang deutlich die Rolle des „Zigeunerlagers“ in Lety — ebenso wie die des hier beschäftigten Personals. Auch die seit 1942 immer wieder vorgebrachten Korruptionsvorwürfe gegen an der Entlassung Beteiligte ändern an der offensichtlichen Intention der Nazis nichts: Das „Zigeunerlager“ in Lety u Písku war ein kleiner Teil des großen Mechanismus für die Verwirklichung des Genozids an den Rom*nja und Sinti*zze während des 2. Weltkrieges.

Ein sehr schiefes Bild

Zurück zu den Vorwürfen gegen den Lagerkommandanten. Wie schief das Bild ist, das hier von „Schuld“ und „Verantwortung“ gezeichnet wird, ist offensichtlich. Der eine Lagerkommandant, Janovský, angeblich schuldig seines persönlichen Mini-Genozids im Lager Lety, der andere, Blahynka, trotz aus den ihm unterstellten Lagern abgehender Transporte nach Auschwitz-Birkenau, unschuldig. Ebenso wie alle weiteren Beteiligten und Verantwortlichen für den Genozid an den Rom*nja und Sinti*zze in ganz Europa. Aus der Feder eines deutschen Journalisten hat diese Entlastung der Nazis einen besonders unangenehmen Beigeschmack.

Das Gegenteil von gut…

Weder Polansky noch Pape jedoch hatten im Sinn, Revisionismus zugunsten der deutschen Nazis zu betreiben. Viel mehr waren beide so darauf fixiert, den in Tschechien virulenten Antiziganismus anzuprangern, dass die Entlastung der deutschen Besatzer quasi als Kollateralschaden zustande kam. Doch so verständlich und sinnvoll ihr eigentliches Anliegen ist, so sehr war das Unterschlagen der Verantwortung der Nazis und das Beharren auf die Schuld Janovskýs und „der Tschechen“ ein Bärendienst an der Aufarbeitung. Ihre Interpretation, die notwendigerweise auch eine ungebrochene Kontinuität vom „Arbeitserziehungslager“ bis zum „Zigeunerlager“ Lety zieht, liefert bis heute Argumente für verschiedenste Leugner des Genozids an den Rom*nja und Sinti*zze oder der Rolle des Lagers in Lety darin (vgl. LOTTA #64, S. 51 ff.).

Ein Neuanfang

In den kommenden Jahren wird am historischen Ort des „Zigeunerlagers Lety“ ein neuer Gedenkort entstehen. Nach der erfolgreichen Beseitigung der Schweinefarm gelingt hier hoffentlich auch die Beseitigung der beschriebenen Problematiken der gängigen Narrative über das Lager Lety und den Genozid an den Rom*nja und Sinti*zze im „Protektorat Böhmen und Mähren“. Angesichts der aktuellen politischen Lage in Europa ist überdeutlich, welche Bedeutung der Kompatibilität der einzelnen historischen Narrative in den einzelnen Ländern zukommt. Angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Lage in Tschechien ist aber ebenso deutlich, wie groß die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Antiziganismus und der damit verbundenen Komplizenschaft im nationalsozialistischen Genozid an den Rom*nja und Sinti*zze ist.

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