Entstehung im Prozess

Antifa in der Pandemie

Während der Corona-Pandemie haben an vielen Orten zahllose Aktionen mit teilweise extrem rechten Inhalten und Protagonist\*innen stattgefunden. Gruppierungen wie „Corona-Rebellen“ oder „Querdenken“ haben Antifaschist\*innen zudem vor neue Herausforderungen unter Pandemiebedingungen gestellt. Darüber sprachen wir mit dem Mainzer „Kollektiv für Emanzipation“.

Während der Corona-Pandemie haben an vielen Orten zahllose Aktionen mit teilweise extrem rechten Inhalten und Protagonist*innen stattgefunden. Gruppierungen wie „Corona-Rebellen“ oder „Querdenken“ haben Antifaschist*innen zudem vor neue Herausforderungen unter Pandemiebedingungen gestellt. Darüber sprachen wir mit dem Mainzer „Kollektiv für Emanzipation“.

Stellt euch doch erst mal selbst vor.  Wer seid ihr und was macht ihr?

Wir sind ein Zusammenschluss linker Aktivist*innen. Im Zuge der Corona-Pandemie haben wir uns gegründet, um gegen den fortschreitenden Rechtsruck vorzugehen. Da wir uns zum Teil nicht in den bestehenden Mainzer Gruppen wiederfinden konnten, haben wir einen alternativen Ansatz gesucht, um uns zu organisieren. Für uns war klar, dass wir weg von einem auf stetigem Aktionismus basierten Aktivismus wollten. Im Laufe der Zeit hat sich dann daraus ein Interesse an politischer Bildungsarbeit ergeben. Wir möchten außerhalb der eigenen Blase auf linke Themen aufmerksam machen und sensibilisieren. So widmete sich ein Teil unserer Ausrichtung den konkreten Sachverhalten auf den rechten Kundgebungen, die wir in Mainz untersucht haben. Unser Ziel war es, über den dort verbreiteten Antisemitismus aufzuklären und dies auch für Menschen zugänglich zu machen, die kein großes Vorwissen zu der Thematik haben.

Das klingt nach keiner einfachen Aufgabe. Was hat euch bei diesem Ansatz motiviert?

Zu Beginn im Mai letzten Jahres war es uns zunächst wichtig herauszufinden, wo Konsens innerhalb der Gruppe herrscht, wo Meinungen auseinander gehen, und auf welche Weise wir miteinander in Austausch kommen können. Dabei kristallisierte sich bald das gemeinsame Unbehagen über das Erstarken der Corona-Leugner*innen heraus, die in Mainz zu dieser Zeit mehr und mehr an Präsenz gewannen. Mit unserem Blog (https://rechte-umtriebe-mainz.eu) wollen wir einen Überblick über die Aktionen und Tätigkeiten verschiedener Akteur*innen der Coronaleugner*innen-Szene bieten und Bildungsmöglichkeiten aufzeigen. Der Blog selbst entstand nach einer spontanen Idee. Recherche ist ein Teil linker Arbeit, den wir bislang als Einzelpersonen erlernt, aber noch nie so tiefgehend betrieben haben wie jetzt. Zusammen lernten wir Schritt für Schritt, Rechercheergebnisse aufzuarbeiten und zugänglich zu machen. Dabei hatten wir viel Unterstützung von Genoss*innen, die uns halfen, uns eine zuverlässige digitale Struktur aufzubauen. Unsere Erfahrungen aus verschiedenen linken Kontexten wie klassischem Demoaktivismus, Hochschulpolitik, Stadtteilarbeit oder auch Jugend- und Kulturarbeit waren sehr hilfreich.

Ihr habt das Spektrum der Coronaleugner*innen-Szene jetzt über ein Jahr in den Blick genommen. Welche Besonderheit habt ihr festgestellt?

Die Hauptproblematik bei der Betrachtung der selbsternannten „Corona-Rebellen“ ist es, die häufig gezogene Unterscheidung zwischen „gefährlichen Rechten“ und „harmlosen Schwurblern“ aufzubrechen. Wir wollen zeigen, dass nicht vermeintlich harmlose Anhänger*innen der Friedensbewegung sich von bösen Reichsbürger*innen auf diesen Demos indoktrinieren lassen, sondern jede dieser Untergruppen auf ihre eigene Art gefährlich ist und kritisiert werden muss. Auch Personen, die sich selbst dem linken Spektrum zuordnen, treten auf diesen Demos auf und tragen nicht nur das Virus, sondern auch zum Beispiel antisemitisches Gedankengut weiter. In der Berichterstattung und auf Social Media wurden Trennlinien gezogen, die wir aufs Schärfste kritisieren: zwischen vermeintlich guten Linken und bösen Rechten, aber auch diese zwischen harmlosen und gefährlichen Personen.

Könnt ihr das konkretisieren?

Die Außendarstellung der Gruppen zielt darauf ab, möglichst gemäßigt und anschlussfähig zu wirken. Es wird bewusst mit einer Opferrolle kokettiert, um das Gesagte im Nachgang zu rechtfertigen. Veranstalter*innen von entsprechenden Aktionen sind durchaus stolz darauf, eine große Bandbreite an Menschen anzuziehen. So gelingt es häufig, sowohl erfahrene Neonazikader, als auch Menschen aus der Esoterikszene für die Thematik zu begeistern. Reichsbürger*innen mit schwarz-weiß-roter Flagge laufen auf der Demonstration direkt neben Impfgegner*innen mit langen Dreadlocks, was der Szene eine ganz eigene Dynamik beschert und den Eindruck erwecken soll, man vertrete die Gesamtbevölkerung im Sinne einer pluralistischen Gesellschaft. Dabei ist klar, dass alle Untergruppen auf eigene Art und Weise reaktionäre Ideologien vertreten. Ökonomisch betrachtet spiegeln die Veranstaltungen ohnehin fast ausschließlich den weißen Mittelstand wider. Die Redner­*innen repräsentieren besonders Akademiker*innen. Man scheint besonders stolz zu sein, wenn Ärzt*innen, Anwält*innen oder Politiker*innen auf der Kundgebung sprechen und die eigene Verschwörungsfantasie mittragen. Diese „Orientierung nach Oben“ sowie auch die soziale Zusammensetzung der Szene zeigt, dass die Coronaleugner*innen eine bürgerliche Strömung sind. Was jedoch nicht selten durch radikale Äußerungen gebrochen wird. So fallen schnell einige Widersprüchlichkeiten auf, die der gesamten Szene inhärent zu sein scheinen. Zwar möchte man sich gemäßigt geben, jedoch wird auf verschiedenen Kundgebungen zum gewaltsamen Umsturz aufgerufen. So am 29. August 2020 in Berlin, jedoch auch am vergangenen 26. September in Mainz, wo der damalige AfD-Landtagsabgeordnete Stefan Räpple aus Baden-Württemberg dazu aufrief, die Regierung zu beseitigen.

Mainz ist Landeshauptstadt. Was hat aus eurer Sicht darüber hinaus dazu geführt, dass Mainz zum Austragungsort der verschwörungsideologischen Demonstrationen in Rheinland-Pfalz wurde?

Mainz hat eine hohe Quote an Studierenden. Bei der Landtagswahl hatte die Alternative für Deutschland hier ihr schlechtestes Ergebnis im Land. Klassische Neonazis und rechte Kleinstparteien haben hier einen vergleichsweise schlechten Stand. Verschwörungsideolog*innen suchen sich hier dagegen eine Bühne. Fast wöchentlich fanden Spaziergänge, Kundgebungen und andere öffentliche Aktionen aus dieser Richtung statt. Dem wollten wir so früh wie möglich etwas entgegensetzen. Vor allem von außerhalb wurde häufig aus dem Westerwald oder sogar dem Raum Trier nach Mainz mobilisiert. Kundgebungen der selbsternannten „Corona-Rebellen“ in Bad Kreuznach, Bad Marienberg oder Limburg deuten auch auf eine Rekrutierung im ländlicheren Raum hin. Auffällig war zudem, dass sich nicht sonderlich viele Redner*innen aus Mainz gefunden haben. Allgemein kann man sagen, dass mit dem Landtag, dem SWR und dem Sitz von BionTech in Mainz die Stadt ein beliebter Demonstrationsort bei Coronaleugner*innen ist, weil sie in diesen Institutionen eine Projektionsfläche finden. Der SWR und das ZDF stellen für sie dementsprechend ein Zentrum der Verbreitung von Falschinformationen dar, während BionTech als Impfstoffproduzent ohnehin als Teil einer Verschwörung betrachtet wird.

Was sind eure Erfahrungen im Umgang mit den Demonstrationen der Coronaleugner*innen-Szene?

Bei den ersten Demobesuchen und Beobachtungen fiel auf, dass die herkömmlichen antifaschistischen Strategien relativ nutzlos schienen. Der Gegenprotest fiel im Angesicht einer überall grassierenden Pandemie oft klein aus, da viele Antifaschist*innen fürchteten, sich auf Versammlungen anzustecken oder andere Menschen zu gefährden. Viele andere wiederum taten die selbsternannte Bewegung als ungefährliche Spinner ab. Gerade diese Umstände waren für uns ein weiterer Antrieb, diese Szene im Blick zu haben und aufzuzeigen, wo es Verknüpfungen zu extrem rechten Akteur*innen gibt oder an welchen Stellen eben selbst diese vermeintlich Ungefährlichen ihrer Bezeichnung nicht gerecht werden. Uns war es wichtig an konkreten Beispielen aufzuzeigen, was für problematische Inhalte bei Aktionen der selbsternannten „Corona-Rebellen“ stattfinden, und fundiert aufzuzeigen, an welchen Stellen sich Geschichtsrevisionismus, Verschwörungsglaube und der Appell, schwächere Menschen der natürlichen Auslese zu überlassen, beobachten lässt. Dabei wurde uns auch deutlich, dass Wissenshierarchien in der Linken über rechte Strukturen dringend abgebaut werden müssen.

Sich als politische Gruppe während einer Pandemie neu zu gründen, bringt mit Sicherheit einige Herausforderungen mit sich?

Ja, unser bislang größter Erfolg ist, dass wir es geschafft haben, uns während der Corona-Pandemie zu gründen und unsere Infrastruktur zu organisieren. Uns freut, dass wir unsere Rechercheergebnisse nicht nur auf dem Blog veröffentlichen, sondern auch im digitalen Rahmen durch Vorträge über unsere Recherche sprechen und somit Menschen erreichen und Inhalte vermitteln konnten. Dabei haben wir auch gelernt, dass Online-Formate neue Probleme mit sich bringen, da einer unserer Vorträge von Coronaleugner*innen gestört wurde. Dennoch freuen wir uns natürlich über jede Möglichkeit unsere Ergebnisse in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Um Recherchearbeit über diese Szene zu leisten, bedarf es viel Zeit und Bereitschaft, um die vielen Aktivitäten der Gruppe auch im Internet und auf der Straße zu verfolgen. Menschen, die Informationen über bevorstehende Veranstaltungen sammeln, sind dabei genauso wichtig wie jene, die vor Ort fotografieren und kritisch begleiten. Dieses Netzwerk war und ist sehr wichtig für unsere Arbeit. Ohne jene Personen, die Unmengen von aggressiven und teilweise absurden Inhalten aus Chats oder Live­streams täglich sichten und nach Relevanz filtern, würden weder gezielte Kritik, noch Recherche vor Ort funktionieren. Allein würden wir dies gar nicht schaffen.

Rückschläge gab es in den ersten Monaten unserer Arbeit allerdings einige. Durch die Pandemie waren persönliche Treffen nicht mehr möglich, wir mussten in die Digitalität umziehen. Das haben wir zwar rückblickend mit Unterstützung zügig geschafft, jedoch zehrt das digitale Arbeiten an den Kräften und für eine junge Gruppe wie wir es sind ist es schwer, sich im digitalen Rahmen besser kennenzulernen, einander zu vertrauen und sich aufeinander zu verlassen. Außerdem ist es zwar nicht Kern unserer Arbeit, jedoch klammern wir den Protest auf der Straße natürlich auch nicht ganz aus. Dieser wurde durch die Pandemie erschwert. Wir haben davon abgesehen, Protest und öffentliches Auftreten unter Hygiene-Maßnahmen zu organisieren und Menschen zu physischen Treffen zu mobilisieren.

Gibt es noch etwas, das ihr abschließend sagen wollt?

Allen Personen, die im Hintergrund Social Media-Kanäle verfolgen oder sich auf die Demonstrationen begeben und die dafür Anfeindungen und Bedrohungen über sich ergehen lassen, ist ein richtig großes Danke zu sagen. Sie liefern die Basis, auf der wir unsere Recherchen aufbauen. Auch außerhalb von Corona beschäftigen wir uns natürlich weiter mit rechten Umtrieben in und um Mainz. Besonders die Ereignisse in Idar-Oberstein haben gezeigt, dass die beschriebenen Gefahren dieser Szene sich nun bewahrheiten.

Vielen Dank für das Interview.

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