Tradition mit Lücken

Die Zeitschrift „wir selbst“ und der „Lindenbaum Verlag“

Die Zeitschrift „wir selbst“ wurde bereits 1979 gegründet. Nach vorübergehender Einstellung erscheint sie seit 2002 wieder regelmäßig. Zusammen mit dem angeschlossenen „Lindenbaum Verlag“ spielt sie bis heute eine Rolle für die nationalrevolutionäre Strömung der extremen Rechten.

Vor Ende des letzten Jahrhunderts war der Autor dieser Zeilen im Düsseldorfer „Haus des deutschen Ostens“ bei den sogenannten Vertriebenen, um dem Vortrag von Henning Eichberg, dem über Jahre prägenden Autor von wir selbst, über die Figur „Rübezahl“ zu lauschen. Der Referent sah gar nicht aus wie ein Nazi, sondern mit seiner Nickelbrille und seinem langhaarigen Wuschelkopf wie die Karikatur eines linken Hippies. Die anwesenden NPD-Opas kratzten sich ungläubig die Glatze bei dem, was sie hörten, denn „Rübezahl“ war für den Referenten ein Synonym für den „Volksgeist“, für die Kraft des sich erhebenden Volkes – und diese Gedankengänge wirkten dann doch etwas zu hoch für die stumpfen Zuhörer.

Dieses Bild mag im übertragenen Sinn auch für die Zeitschrift wir selbst gelten. Gegründet wurde sie 1979 vom damaligen Landesvorsitzenden der rheinland-pfälzischen NPD-Nachwuchsorganisation JN, Siegfried Bublies. Intellektueller Kopf des Blattes wurde der erwähnte Eichberg. Beide suchten nach neuen Wegen, ihre extrem rechte Ideologie an die Menschen zu bringen. Das Thema Ökologie war damals in aller Munde, die Gründung der Partei Die Grünen stand kurz bevor. Für Bublies und Eichmann war Ökologie sowohl inhaltlich als auch strategisch ein gutes Thema, um Einfluss zu nehmen. Mit der NPD war ein solches Agieren allerdings nicht sinnvoll und machbar, zu offen nationalsozialistisch waren hier Akteure und Positionen. Daher verließen beide die Partei und wandten sich der Theorie und der Publizistik zu.

Ideologische Erneuerung

Wir selbst, der Name ihres neuen zweimonatlich erscheinenden Magazins war der irischen Separatistenbewegung Sinn Féin entlehnt und Ausdruck der inhaltlichen Orientierung der Publikation. Diese vertrat Positionen, die extrem rechte Ideologie verkörperten, aber auf den ersten Blick oftmals als ‚links‘ einsortiert wurden. Auch weil Sprache und Erscheinungsbild der Zeitschrift sich von den bisherigen extrem rechten Publikationen unterschieden. Inhaltlich orientierte man sich an nationalistischen bzw. separatistischen Bewegungen. Der antikoloniale Kampf in Afrika wurde auf Deutschland übertragen und behauptet, Deutschland sei von den Amerikanern kulturell wie militärisch kolonialisiert worden.

Die bekannteste Erneuerung extrem rechter Ideologie aus dem Umfeld von wir selbst war der sogenannte Ethnopluralismus – die Erfindung statischer kultureller Merkmale, die verschiedenen Kulturen zugeschrieben wurden – durch Henning Eichberg. Im Ethnopluralismus wurden die kulturellen Merkmale zwar als positiv im Sinne eines „Wertes der Verschiedenheit“ beschrieben und die Notwendigkeit der Erhaltung dieser Kulturen behauptet, letztendlich diente dieses Konstrukt nur dazu, die nicht mehr haltbare Konstruktion von „Rassen“ zu ersetzen. Jetzt wurde zur Begründung von Segregation und Apartheid nicht länger auf biologische Unterschiede der Völker verwiesen, sondern auf die Erhaltung unterschiedlicher Kulturen. Der Kampf gegen Migrant*innen wurde dabei auch als Kampf für deren kulturelle Identität verkauft. Ökologie, nationale und kulturelle Identität sowie Antiimperialismus waren zentrale Themen, über welche die Ideologie der extremen Rechten modernisiert und vom Nationalsozialismus entkoppelt werden sollte. Mit dieser Ideologieproduktion und deren Verbreitung war das Blatt in den 1970 und 1980er Jahren eine der wichtigen Publikationen der „Neuen Rechten“.

Zeitschrift und Verlag

Der Ideologieproduzent Henning Eichberg arbeitete zeitgleich an einer wissenschaftlichen Karriere. Siegfried Bublies übernahm die Funktion des Verlegers. Um der Zeitschrift eine organisatorische Basis zu bieten, wurde gegen Ende 1982 zunächst der Verlag druck + text gegründet, 1984 folgte der Koblenzer Verlag Siegfried Bublies, der dann 1985 zum Verlag Bublies & Höffkes mit Sitz in Wiesbaden wurde. Ab 1987 trennten sich die Wege von Siegfried Bublies und Karl Höffkes wieder. Höffkes ist heute von Gescher im Münsterland aus im Medienbereich der extremen Rechten aktiv. Wir selbst erschien seitdem wieder im Verlag Siegfried Bublies, dessen Verlagssitz 2001 nach Schnellbach (Gemeinde Beltheim, RLP) wechselte.

Im Programm spiegelte sich die, in der Selbstbezeichnung als „nationalrevolutionär“ betitelte, ideologische Orientierung des Verlages, welche in Büchern wie Friedrich Kabermanns „Widerstand und Entscheidung eines deutschen Revolutionärs. Leben und Denken von Ernst Niekisch“ von 1993 oder auch in diversen Büchern über Otto Strasser, wie Günter Bartschs „Zwischen drei Stühlen: Otto Strasser“ von 1990, zum Ausdruck kommt. Im Gegensatz zu wir selbst bietet der Verlag jedoch auch Werke, welche den Nationalsozialismus relativieren oder gar verherrlichen. Hier sind Werke erschienen wie „Das kann doch nicht das Ende sein“ von Artur Axmann, dem letzten Reichsjugendführer der Hitler-Jugend, (1995) oder „Die Hitler-Jugend und ihr Selbstverständnis im Spiegel ihrer Aufgabengebiete“ von Jutta Rüdiger, die bis 1945 als „Reichsreferentin“ dem Bund Deutscher Mädel vorstand.

Vermutlich war allein mit Publikationen, die die Ideologie der „Neuen Rechten“ vertraten, nicht genug Geld zu verdienen, um den Verlag am Laufen zu halten, denn die extreme Rechte in Deutschland blieb ja bis weit in die 2000er Jahre vom Neonazismus geprägt, welcher seinen organisatorischen Ausdruck in der NPD, den „Kameradschaften“ und deren kulturellem Vor- und Umfeld fand. Dem Verlag war auch ein Versandhandel, der wir selbst Büchermarkt, angeschlossen, in dem auch Bücher anderer einschlägiger Verlage angeboten wurden.

Die Neuauflage

Die Zeitschrift wir selbst war ein Projekt des vergangenen Jahrhunderts. Ende der 1990er Jahre erschien die Publikation immer unregelmäßiger, teils eine Ausgabe im Jahr, gelegentlich nicht einmal das. 2002 wurde sie eingestellt. 2020 folgte dann die Internetzeitschrift für nationale Identität, eine Website, die sich in die ideologische Kontinuität der Druckausgaben stellt. 2022 erschienen dann mit der Nr. 52 und Nr. 53 wieder Druckausgaben der wir selbst. Zwischen 2023 und 2025 folgte jährlich eine Ausgabe. Angesichts des „Angriffskrieg der Russen gegen die Ukraine“ sah man im Kreis der alten wir selbst-Redaktion die Chance und Notwendigkeit, die „tradierte(n) Lebensformen der Völker und der geschichtlich entstandenen Nationalstaaten“ vor dem US-Imperialismus zu retten. Sie mobilisierten aus den langjährigen Strukturen Autoren wie Werner Olles (Jahrgang 1942), Winfried Knörzer (Jahrgang 1958) und Uwe Sauermann. Ergänzt wurde die Redaktion um jüngere Autoren wie den Bielefelder AfD-Kader Florian Sander (Jahrgang 1984), Timo Kolling aus Bad Oeynhausen, (Jahrgang 1978) oder den AfD-Bundestagsabgeordneten Martin Sichert (Jahrgang 1980). Zudem schreibt eine Vielzahl von in der extremen Rechten langjährig aktiven Männern für wir selbst. Zu nennen sind etwa der französische Vordenker der „Neuen Rechten“ Alain de Benoist, der Anwalt Klaus Kunze aus Uslar sowie der mit geschichtsrevisionistischen Publikationen bekanntgewordene Generalmajor a. D. Gerd Schultze-Rhonhof.

Die fünf seit 2022 erschienenen Ausgaben von wir selbst aktualisieren die extrem rechte Sicht auf die Welt unter Berücksichtigung grundsätzlicher Prinzipien einer nationalrevolutionären Perspektive. Wenn Alexander Heumann, ein ehemaliges AfD-Mitglied und früher Anmelder der DÜGIDA-Märsche, angesichts des Überfall Russlands auf die Ukraine formuliert „What matters are people, not states“, so steht er in der Tradition der Befreiungsnationalisten. Anhänger von Carl Schmitt, die eine geopolitische Großmachtpolitik propagieren, würden bei solchen Positionen im Dreieck springen.

Verlagsaktivitäten

Schon vor dem Wiederaufleben des Magazins wir selbst hatte Siegfried Bublies sich wieder stärker im Verlagsbereich engagiert. 2005 gründete er den Lindenbaum Verlag mit Sitz in Schnellbach, der seinen Namen folgendermaßen ableitet: „Schon die Germanen verehrten die Linde als den geweihten Baum der Göttin „Freya“. Sie war die Göttin der Liebe, des Glücks und der Fruchtbarkeit. Die heiligen ‚Freya-Linden’ waren zumeist Sommerlinden und galten den Germanen als Sitz der guten Geister. Die Verehrung der Linde beruht wohl darauf, daß unsere germanischen Vorfahren eine Wesensgleichheit von Mensch und Baum annahmen.“ Mit der Wahl des Namens und der Orientierung an einem dem Universalismus des Christentums gegenübergestellten Heidentum, verortet sich der Verlag in der Gedankenwelt der „Neuen Rechten“ der 1980er Jahre. Dazu passt, dass der Verlag 2023 das erstmals 1982 im altrechten Grabert Verlag erschienene Buch „Heide sein“ von Alain de Benoist wiederveröffentlichte.

Die im Lindenbaum Verlag publizierten Bücher sind überwiegend, aber nicht ausschließlich der extremen Rechten zuzuordnen. Eine Vielzahl davon sind Reprints, wie „Das Werden des deutschen Volkes“ des Geopolitikers Karl Haushofer, das erstmals 1941 erschien. Unter den Publikationen sind programmatische Schriften wie Klaus Kunzes „Das rechte Weltbild“ oder Andreas Vonderachs „Anthropologie des früheren Ostdeutschlands“, welches an den populärsten Rassentheoretiker des Nationalsozialismus Hans F. K. Günther, im Volksmund „Rassegünther“ genannt, erinnert. Dazu kommt Literatur über Schlesien, Ostpreußen und Pommern, also über die nach dem Zweiten Weltkrieg verlorenen Gebiete, die für die extreme Rechte noch heute zu Deutschland gehören. Ebenfalls zum Verlagsprogramm zählen Reprints von Kriegsliteratur von Hans Hellmut Kirst, wie die Romantrilogie „05/15“, die in den 1950er Jahren eine Millionenauflage hatte. Sie wurde von links kritisiert, da sie den Nationalsozialismus kaum thematisierte, und von rechts wurde bemängelt, dass ein nicht zur Wiederbewaffnung passendes Bild der Wehrmacht mit sinnlosen Befehlen und Kasernendrill gezeichnet wurde. Selbstverständlich hat der Lindenbaum Verlag auch die Zeitschrift wir selbst im Angebot. Zudem unterscheidet sich sein Programm kaum von dem des Bublies-Verlags, die Bücher werden teilweise auch wechselseitig angeboten. 2013 hatte Bublies den zuvor in Krefeld ansässigen Sinus-Verlag übernommen, der in den 1980er Jahren in der Reihe „edition d“ viele wichtige Bücher der „Neuen Rechten“, etwa de Benoists „Kulturrevolution von rechts“ veröffentlichte. Interessanterweise wurde eine Neuauflage dieses Buches 2022 vom Jungeuropa Verlag veröffentlicht, der Sinus-Verlag 2025 liquidiert.

Mit dem Magazin wir selbst und seinen Verlagen agiert Siegfried Bublies bis heute von Rheinland-Pfalz aus als wichtiger Vertreter der nationalrevolutionären Strömung innerhalb der extremen Rechten. Auch wenn aktuell eher die auf den Staat setzende Strömung des Jungkonservatismus von Bedeutung ist, sollten diese Aktivitäten nicht unterbewertet oder gar vergessen werden.

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