
Propaganda-Sound aus der Maschine
KI-generierte Musik und die extreme Rechte
In den letzten zwei Jahren fand bei der generativen Künstlichen Intelligenz ein Entwicklungssprung statt, der zu leistungsfähigen Modellen wie etwa dem bekannten ChatGPT geführt hat. Als sogenanntes Large Language Modell ist ChatGPT mit einer riesigen Menge Daten trainiert worden, um Muster und Zusammenhänge zu erkennen und darauf aufbauend neue Texte zu erschaffen. Auf die Eingaben der Nutzenden, den sogenannten Prompts, reagieren die Modelle mit der Erzeugung von Inhalten. Generative Künstliche Intelligenz ist mittlerweile in der Lage, nicht nur Texte, sondern auch Bilder, Videos und eben Audios zu erstellen.
KI-Nutzung durch die extreme Rechte
Extrem rechte Akteure erkannten früh das Potential dieser Technologie für die Produktion von Propagandamaterial. Die Herstellung KI-generierter Inhalte geht schnell und kostengünstig, Programmierkenntnisse oder Fähigkeiten in Illustration und Grafikdesign braucht es nicht. Lediglich das „prompten“ muss gelernt werden, hier reichen aber etwas Übung und das Lernen aus Erfahrungen. In der öffentlichen Diskussion steht die Gefahr von mit Hilfe generativer KI produzierten Fälschungen im Vordergrund. Besonders besorgniserregend sind dabei „Deepfakes“, überzeugend echt wirkende, aber künstlich erzeugte Fotos, Audios und Videos realer Personen. Die extreme Rechte nutzt generative KI aber ebenso, um Bildwelten zu erzeugen, die gar nicht erst versuchen, die Betrachtenden zu überzeugen, dass es sich um reale Fotos oder Videos handelt. Produziert wird vielmehr eine gefühlte Realität, welche die Bedrohung durch Migranten, das Heroische der eigenen Nation oder die Größe kämpferischer Männlichkeit illustriert. Bildwelten, die – obwohl künstlich generiert – für die extreme Rechte eine tiefere Wahrheit ausdrücken, weil sie die Welt so darstellen, wie sie ihren ideologischen Vorstellungen entspricht. Ein gutes Beispiel dafür sind etwa die Grafiken des Projekts Wilhelm Kachel mit ihrer Imitation von Ölgemälden, in denen stets ähnlich aussehende schlanke blonde Frauen und hünenhafte Männer mit breitem Kinn und absurd großen Muskeln dargestellt werden. Dass generative KI aufgrund der Trainingsdaten stereotypisierend, strukturell konservativ und nostalgisch ist, kommt der extremen Rechten entgegen. Es fällt schwer, diesen Produkten einen ästhetischen Wert zuzuschreiben, bestenfalls sind sie Kitsch, meist sind sie schlicht Schrott („AI Slop“).
Auch Musikgeneratoren weckten das Interesse der extremen Rechten. Der im Dezember 2023 der Öffentlichkeit vorgestellte Musikgenerator Suno markiert den Durchbruch bei der Herstellung von Musik durch Künstliche Intelligenz. Im Februar 2024 zeigte sich ein Autor des Musikmagazins Rolling Stone verblüfft von der Qualität eines mit dem „Model v3“ erstellten Songs und glaubte, die „mächtigste und beunruhigendste KI-Kreation“ erlebt zu haben. Schwächen vorheriger Modelle zeigten sich nicht mehr. Wenige Monate später erschien mit Udio ein ähnlich leistungsstarkes und anwendungsfreundliches Modell. Mittlerweile existiert eine Vielzahl an KI-Musikgeneratoren, die auf Basis von Prompts innerhalb kurzer Zeit Musikstücke generieren. Die Lyrics können durch die Nutzenden eingegeben oder ebenfalls künstlich erzeugt werden. Generatoren wie Suno liefern auch direkt das passende Artwork mit.
KI-Musik von Rechtsaußen
Erkennbar sind die KI-Songs auf YouTube oder Spotify zuallererst über ihre KI-generierten Grafiken. Auch die Lyrics können ein Störgefühl erzeugen. Ihre Qualität ist gering, sie enthalten vielfach holprige Reime und ungelenke Sprachbilder – aber darin unterscheiden sie sich nicht vom Gros der RechtsRock- beziehungsweise Deutschrock-Bands. Musikalisch fanden wir bislang hauptsächlich Songs, die sich den Genres (Pop-) Schlager, Rock beziehungsweise Deutschrock und Metal zurechnen lassen, häufig auch mit weiblicher Gesangstimme. Beispiele für Rap sind seltener.
Bei einem Teil der Songs handelt es sich um offene AfD-Propaganda. Mindestens ein Dutzend solcher Songs wurden vor der Bundestagswahl bei YouTube hochgeladen. „Blau,Blau, Blau“ hieß das erst im Januar veröffentlichte Lied der Party Patrioten. „AfD Song unzerbrechlich“ titelte DobermannCloe, ein Account, über den KI generierte Musik angeboten wird. Den Song „Blau ist die Hoffnung“ lud Amadeusion zwei Monate vor der Wahl hoch. Es war das erste Mal, dass im größeren Maßstab versucht wurde, mittels KI-generierter Musik Einfluss auf einen Wahlkampf zu nehmen. Erste Lieder waren jedoch schon im Landtagswahlkampf in Brandenburg im September 2024 veröffentlicht worden, so etwa „Ein Volk vereint: Der AfD-Song für eine starke Zukunft“ von Sachsii. Die Abrufzahlen unterscheiden sich nach Zeitpunkt des Uploads und der Reichweite des Kanals. Das AfD-Lied von Sachsii hatte 285.000 Aufrufe, der Song von DobermannCloe nach einem Monat immerhin knapp 180.000 Klicks. Lieder von Amadeusion nach zwei Monaten 560.000 und 620.000 Aufrufe. Zum Vergleich: das Lied „Alice für Deutschland“ des vormaligen Ballermann-Sängers und Brandenburger AfD-Kommunalwahlkandidaten Björn Banane (bürgerlich Björn Winter) erreichte in drei Wochen 280.000 Aufrufe. KI-Musik wird also zumindest geklickt, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch gehört.
Die Playlist „AfD Songs“ des aus Ostsachsen stammenden Projekts Sachsii – verantwortlich ist laut Impressum Stefan Thiel – umfasst 18 Songs. Doch auch jenseits der Parteiwerbung ermöglicht die KI einen großen Output: Seit November 2024 hat er 23 Alben mit jeweils meist mehr als 15 Songs veröffentlicht. 660 Videos finden sich auf seinem YouTube-Kanal, die um die immergleichen nationalistischen Themen kreisen. Seit Herbst 2024 erlaubt das Persona-Feature von Suno mehrere Songs mit der gleichen Gesangsstimme zu produzieren, womit wiedererkennbare „Bands“ möglich werden. Dies nutzt auch rockt deutsch von Benjamin Heßling aus Bottrop (NRW), der mit „Fenja“ einen wiedererkennbaren Avatar geschaffen hat. Auch wenn sie künstlich generiert ist, die Musik gefällt ihren Fans: „Was für eine geile Stimme (…) und ehrlich dazu … bleib uns treu… du Germanische Göttin“, heißt es in einem Kommentar. Andere schildern, wie emotional ergriffen sie von den schwülstigen nationalistischen Liedern sind.
Wer sich hinter den Projekten verbirgt, ist oftmals undurchsichtig. Während Projekte wie Sachsii Stücke produzieren, die mit Plattform-Richtlinien und Strafgesetzen konform gehen, lassen sich auf eher randständigen Internetseiten und Downloadportalen auch Lieder finden, die offen neonazistisch sind und strafrechtlich relevant. So zum Beispiel das Album „Hakenkreuz am Stahlhelm“ von Gegenstoss oder „Arbeit Macht Frei“ von The Auschwitz Protocols. Zwar versuchen die großen Musikgeneratoren bestimmte Inhalte einzuschränken, was sich aber umgehen lässt. Wer etwa antisemitische Hassrede verbreiten möchte, nutzt die Methode des „phonetic jailbreaking“. Dabei wird eine alternative Schreibweise von Wörtern benutzt, die einen ähnlichen Klang erzeugt. So wird etwa „the sog“ oder „the juice“ geschrieben, wenn „the ZOG“ oder „the jews“ gemeint sind. Laut einer Untersuchung von EU Disinfo Lab tauschten sich früh User des Imageboards 4chan aus, wie sich KI-Songs am besten kreieren und in Mainstream-Portalen wie YouTube verbreiten lassen.
KI-Musik auf den Streamingdiensten
Wie zuvor bereits bei anderen technologischen Neuerungen versprechen auch die Suno-Gründer die Demokratisierung, in diesem Falle des Musikmachens. Doch neben der drohenden Verdrängung von Komponistinnen für Film-und Werbemusik zeigt sich als Effekt die weitere Flutung des Netzes mit KI-generierten Inhalten. Der Streamingdienst Deezer ermittelte, dass die täglich bis zu 30.000 KI-Songs hauptsächlich von Bots abgerufen wurden, um für die Produzentinnen Geldeinnahmen zu generieren. Während Deezer gegen KI-generierte Musik vorgeht, reguliert der Branchenprimus Spotify nicht. So kann in einer vom Dienst generierten Playlist „60s/70s Rock Anthems“ ein Song von The Velvet Sundown auftauchen, einer KI-„Band“, die im Juli 2025 innerhalb kürzester Zeit bis zu 500.000 monatliche Hörer*innen sammelte.
Die KI-Musik zu monetarisieren, ist auch für Rechte interessant. Bislang ist die Resonanz auf rechte KI-Musik – und damit auch der Verdienst – aber gering. DobermannCloe und Sachsii erzielen mit derzeit 52.999 beziehungsweise 14.000 monatlichen Hörer*innen auf Spotify die größten Reichweiten. Die meisten anderen haben nur wenige Hundert bis Tausend Hörer*innen. Im Schnitt etwas erfolgreicher ist Musik im Deutschrock-Stil à la Freiwild und Onkelz, die keine explizit politischen Statements enthält. Im August 2024 gelang „Verliebt in einen Talahon“ als erstem KI-Song ein Charterfolg mit dem Einstieg in die TOP 50. Das Lied im 60er-Jahre-Schlagerstil spielt mit rassistischen Stereotypen über junge arabische Männer und war zunächst auf TikTok erfolgreich. Der Produzent Josua Waghubinger entstammt aber nicht der extremen Rechten.
Offene Entwicklung
Seit Anfang 2025 bieten auch die einschlägigen Downloadportale wie 88NSM neben Hunderten von digitalisierten Alben vermehrt KI-generierte Musik an. Der Sound dieser Produktionen ähnelt oftmals verblüffend denen des klassischen RechtsRock. Für musikalische Innovation und ästhetische Wagnisse ist das Genre nicht bekannt. Größere Projekte wie etwa Sturmwehr veröffentlichen Jahr für Jahr inhaltlich und musikalisch Ähnliches. Da stellt sich die Frage, ob ihnen mit den KI-Projekten eine ernsthafte Konkurrenz entsteht. Denn viele KI-Songs wirken musikalisch überlegen, verfügen etwa über ausgereiftere Gitarren-Riffs und harmonischeren Gesang. Werden sich künftig also extrem rechte KI-Musik-Acts mit einer nennenswerten, treuen Fanbasis etablieren? Ein Genre, das bislang von der Entwicklung ausgenommen scheint, ist der Black Metal. Möglicherweise sind die Erwartungen der sich oftmals elitär gebenden Hörer*innenschaft an die Authentizität der Musik so hoch, dass Künstliche Intelligenz in diesem Genre keine Akzeptanz findet.
Da wir noch am Beginn der Nutzung von Künstlicher Intelligenz zur Musikproduktion stehen, sind Prognosen der weiteren Entwicklung schwierig. Deutlich ist aber schon jetzt, dass generative Künstliche Intelligenz in den Händen der extremen Rechten eine wirksame Propagandawaffe darstellt. Das aus dem Umfeld der AfD produzierte KI-generierte Musikvideo „Deutschlandretter 24“ ist dafür ein erschreckendes Beispiel. Es stellt die auf den Vertreibungsplan „Remigration“ notwendigerweise folgenden Deportationen als Party-Event dar und ist unterlegt mit einem textlich veränderten Song der Schlager-Gruppe Die Atzen.