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„Architektur ist ein entscheidendes Feld rechter Kulturpolitik“

Im Gespräch mit Stephan Trüby über rechte Räume

Der Architekturtheoretiker Stephan Trüby zählt zu den profiliertesten Kritiker*innen einer rechten Einflussnahme auf Architektur und Stadtplanung. Seine Debattenbeiträge, etwa zum Neubau einer „Frankfurter Altstadt“, fanden starke Resonanz. Seit 2018 leitet Trüby das „lnstitut für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen“ (IGmA) der Universität Stuttgart.

Herr Trüby, Ihr aktuelles Buch trägt den Titel „Rechte Räume“. Wodurch sind „rechte Räume“ gekennzeichnet? Durch ein spezifisches Bauen? Durch eine spezifisch rechte Architektur?

Nein. Nur in den allerseltensten Fällen sind bei einem gebauten Artefakt aufgrund seiner Ästhetik Rückschlüsse auf eine bestimmte politische Ideologie möglich. Daher versuche ich von „rechter Architektur“ nur in Ausnahmefällen zu sprechen — etwa wenn Inschriften eine Zuordnung zwingend machen. Solange dies nicht möglich ist, versuche ich, rechte Räume stark von Handlungen, Verlautbarungen, Texten her zu denken.

Bedeutet das, dass es oftmals eine Frage der „Aufladung“ ist, mit der Akteur*innen ein bestimmtes Bauwerk versehen?

Der „Soundtrack“ ist in der Tat ganz entscheidend. Aber nicht nur der. Jedes Gebäude entsteht in einem spezifischen politischen und ökonomischen Kontext, der auch im Nachhinein zu benennen ist, sofern ein Textkonvolut vorhanden ist. Fehlt ein solches Konvolut, wird es mit der Bestimmung des politischen und ökonomischen Kontextes schon schwieriger. Dann bleibt nichts anderes als eine Art Indizienprozess übrig. Um es plastisch zu formulieren: Nicht hinter jeder Säule lauert ein Diktator. Es kann auch eine Disko sein.

Es gibt also im Grunde keinen spezifischen Stil, keine Ästhetik, die für eine politische Richtung wie den Faschismus steht? Auf der anderen Seite ist kein Gebäude an sich „unschuldig“, weil es immer kontextabhängig ist? Wichtig ist also, wie es genutzt wird?

Richtig. Das mag vielleicht für manche erst einmal widersprüchlich klingen, aber genauso ist es. Es gibt nur in den seltensten Fällen einen eindeutigen Nexus von politischer Ideologie und Gebautem — das zeigt die Rezeptionsperspektive. Und gleichzeitig ist kein Gebäude neutral — das zeigt die Produktionsperspektive. Die Frage nach der Nutzung bzw. Umnutzung von Gebäuden betrachte ich als eine Variante der Rezeptionsperspektive. Viele verantwortungsvoll umgenutzten Architekturhinterlassenschaften der NS-Zeit in Deutschland, in denen deren Produktionsbedingungen durch Gedenktafeln etc. verdeutlicht werden, machen klar: Die Architektur kann nur in den seltensten Fällen, wenn etwa einschlägiger „Bauschmuck“ wie Hakenkreuze vorhanden ist, für sich allein sprechen. Um den Nexus von politischer Ideologie und Gebautem zu vereindeutigen, braucht es üblicherweise Textattribute in Form von Plaketten oder Ähnlichem.

Ihrem Buch kann man entnehmen, dass Sie ein exzellenter Kenner der unterschiedlichen Bereiche der extremen Rechten sind. Würden Sie sagen, dass es im Bereich der organisierten extremen Rechten eine politische Agenda in Bezug auf Architektur und die Schaffung „rechter Räume“ gibt?

Ja. Wenn man den im April 2021 publizierten Antrag der AfD-Bundestagsfraktion für einen „Nationalen Aktionsplan Kulturelle Identität“ analysiert, dann wird man erstaunt feststellen, dass hier vor allem in zwei Bereichen rechte Kulturpolitik — oder, wenn man so will: Metapolitik — betrieben wird. Zum einen auf dem Feld der Sprache: Die AfD schlägt vor, eine „Deutsche Akademie für Sprache und Kultur“ zu gründen. Und zum anderen geht es um eine traditionalistische Architektur-Agenda, die dezidiert antimodern ist und mit der eine vermeintlich gute alte Zeit, in der die Welt scheinbar noch in Ordnung war, mit Bauwerken rekonstruiert werden soll. Es wird explizit auf die „erfolgreichen Rekonstruktionsprojekte in Dresden, Frankfurt am Main oder Berlin“ verwiesen, also auf die Frauenkirche, die „Neue Frankfurter Altstadt“ und das Stadtschloss. Sprache und Architektur stehen also für die beiden entscheidenden Territorien, auf denen in Deutschland ein rechter Kulturkampf ausgefochten werden soll.

Wirtschaftspolitisch lassen sich zwei gegensätzliche Positionen innerhalb der extremen Rechten identifizieren: Einerseits gibt es eine Orientierung an Sozialstaatskonzepten, allerdings immer unter rassistischen Vorzeichen — die NPD hat sich kürzlich in ihrer Zeitung sogar für die Wohnungsbaupolitik des „Roten Wiens“ erwärmen können. Andererseits gibt es die Marktradikalen, die den Turbokapitalismus feiern und den Staat nahezu beseitigen wollen, um dem „freien Spiel der Marktkräfte“ Raum zu geben. Ergeben sich daraus Unterschiede im Verhältnis zur Architektur?

In der Tat. Ich versuche im meinem Buch auf diese — wie ich sie nenne — „doppelte Rechte“ einzugehen, also auf die Konkurrenz von hyperkapitalistischem Rechtslibertarismus einerseits und Nationalismus mit antikapitalistischer Rhetorik andererseits. Beide Strömungen finden sich bekanntlich in der AfD. Und auch in der zeitgenössischen Architekturtheorie. Der derzeit vielleicht bekannteste deutsche Architekt, nämlich Patrik Schumacher — er ist Chef von Zaha Hadid Architects (ZHA) in London –, ist ein geradezu militant auftretender Rechtslibertärer, der in eigentümlich frei publiziert. Zu seinen Weggefährten gehört der Unternehmer Titus Gebel, ein Propagandist der „Free Private Cities“. Für die zu Honduras gehörende Insel Roatán hat ZHA Próspera entworfen, eine „Freie Privatstadt“ mit einer Unternehmergesetzgebung, die vom Staat Honduras entkoppelt ist. Schumachers Architektur ist alles andere als traditionell orientiert: Sie ist futuristisch und zukunftsorientiert. Das Beispiel zeigt: Experimentelle Architektur geht manchmal sehr gut einher mit rechtem Denken. Aber das ist ja spätestens seit dem italienischen Faschismus bekannt.

Welche Bedeutung messen Sie denn dieser Idee der „Free Private Cities“ bei? Ist das mehr als eine obskure Erscheinung aus der marktradikalen Szene?

Die „Free Private Cities“-Propagandisten denken bewusst in kleinen Räumen. Titus Gebel etwa will die Welt in eine Ansammlung von Monacos oder Liechtensteins verwandeln. Diese Lust am Diminutiven folgt der Strategie, möglichst wenig Aufsehen zu erregen, denn: Je weniger globales Empörungspotential sich versammelt, desto besser für „Free Private Cities“. Und umso leichter können die vielen kleinen Ausnahmen irgendwann doch zur globalen Regel werden. Manche Beobachter*innen sagen achselzuckend: „Lass diese Leute doch mal am Zipfel einer perspektivlosen Insel was herumexperimentieren.“ Aber in der Summe sind das höchst bedenkliche Initiativen. Denn es geht um die Schaffung neuer Steueroasen, um Territorien für systematische Steuerflucht. Und die Stararchitektur soll marktfähige Bilder generieren, die Aufmerksamkeit erzeugen und den Tourismus fördern.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem letztlich auf Ausgrenzung basierenden Konzept der „Free Private Cities“ und existierenden Formen der Privatisierung von Stadt, etwa in Form überdachter Fußgängerzonen, in der Menschen nur noch willkommen sind, wenn sie konsumieren und einem bestimmten Bild entsprechen?

Das eine ist meines Erachtens als Kind des Anderen zu betrachten. Die Ideologie der „Free Private Cities“ hat vielleicht deswegen an Anziehungskraft in manchen Milieus gewonnen, weil es fast weltweit so etwas wie einen neoliberalen Grundkonsens gibt. Die Idee eines fürsorglichen Wohlfahrtsstaates ist bekanntlich global gesehen seit Jahrzehnten auf dem Rückzug, und Architekten wie Patrik Schumacher können dann einigermaßen widerstandslos sagen, der Neoliberalismus müsse noch weiter radikalisiert werden. Der Neoliberalismus, dessen Ausbreitung wir seit den 1970er und 1980er Jahren erleben, hat insbesondere im Bereich der Architektur und Stadtplanung massive Folgen gezeitigt. Heute tritt der öffentliche Bauherr nur noch rudimentär in Aktion. Anders in den 1960er und 1970er Jahren, da gab es ja noch in allen mehr oder weniger sozialdemokratisch geprägten Wohlfahrtsstaaten — nicht nur der westlichen Welt — viele staatliche Bauaufträge für Satellitenstädte, Hochschulen oder sozialen Wohnungsbau. Im Unterschied zur Nachkriegszeit, in der öffentliches Bauen eine wichtige Rolle spielte, ist heute der Markt fast weltweit zur Raison d’Être von Architektur geworden.

Wie stark sehen Sie eigentlich Vertreter*innen ihres Fachs an der Rechtsentwicklung beteiligt?

Nun, die Architektur als Profession orientiert sich grundsätzlich viel stärker als andere Kunstformen an Menschen mit Geld und Macht. Die erteilen ja die Aufträge. Friedrich Nietzsche hat einmal geschrieben, dass der Architekt „stets unter der Suggestion der Macht“ stehe. Architektur, so Nietzsche, sei „eine Art Macht-Beredsamkeit in Formen, bald überredend, selbst schmeichelnd, bald bloß befehlend“. Wenn sich die politisch-ökonomische Großwetterlage weltweit in Richtung Neoliberalismus und Privatisierung entwickelt, dann wirkt sich das entsprechend auch auf den Architekturdiskurs aus. Es gibt nicht allzu viele erfolgreiche Architekt*innen, die den neoliberalen Status quo grundsätzlich in Frage stellen. Aber die Ausnahmen sollten auch nicht unterschlagen werden: Ich könnte Ihnen gleich mehrere Kolleg*innen nennen, die sich nur wünschen würden, wenn der Staat wieder ein präsenterer Auftraggeber auch in sozialen Bereichen wie dem Wohnungsbau werden würde.

Sie haben in unserem Gespräch das Thema Rekonstruktionsarchitektur bereits angesprochen. Was ist aus Ihrer Sicht problematisch an Projekten wie der „Neuen Frankfurter Altstadt“ oder dem Berliner Stadtschloss?

Das sind sehr unterschiedliche Projekte, und sie sind deshalb auch aus unterschiedlichen Gründen problematisch. Zunächst zur „Neuen Frankfurter Altstadt“: In einem Artikel von mir, der 2018 in der FAS erschien, habe ich inmitten der Feierlaune zur Fertigstellung darauf hingewiesen, dass die erste politische Initiative zur Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt aus einem rechtspopulistischen, AfD-nahen Milieu kam und dass das geschichtspolitisch auch kein Zufall sei. Die Folge war eine monatelange Debatte meiner Thesen in allen deutschen Feuilletons, die auch international wahrgenommen wurde. In diesem Zusammenhang ist es mir wichtig zu betonen, dass ich weder grundsätzlich gegen Rekonstruktionen bin (nach Brandkatastrophen und Kriegszerstörungen halte ich Rekonstruktionen bei wichtigen Gebäuden sogar für dringend geboten), noch dass ich Altstädte oder Fachwerk in die Nähe eines faschistischen Denkens rücken möchte — auf dieser Ebene argumentierten ja viele rechte Kritiker meiner Thesen mit beachtlichem publizistischen Aufmerksamkeitsgewinn. Mal ganz abgesehen davon, dass Altstädte und Fachwerk viel älter als Faschismus sind, wollten die Nazis in vielen Fällen — darunter Frankfurt am Main — die Altstädte „gesunden“. Das ist natürlich ein übler Euphemismus, der nichts anderes als einen rassistisch oder antisemitisch motivierten Teilabriss meint. Manchmal — in Nürnberg etwa — war die Altstadt für Nazis ein ideologisch gefördertes Projekt, in anderen Fällen — in Warschau etwa — sollte sie dem Erdboden gleichgemacht werden. Man muss also von Fall zu Fall genau analysieren. Zu kritisieren ist die „Neue Frankfurter Altstadt“ aber nicht nur auf geschichtspolitischer und symbolischer Ebene, sondern vor allem auch aus ökonomisch-sozialen Gründen. Denn dort hat ein öffentlicher Bauherr — repräsentiert durch die städtisch getragene Dom-Römer GmbH –mit öffentlichen Geldern innerstädtische Luxuswohnungen gebaut. Das kann nicht deutlich genug verurteilt werden. Beim Berliner Stadtschloss liegt die Sache etwas anders. Das Skandalon liegt symbolpolitisch vor allem darin, dass hier ein Ethnologisches Museum in den rekonstruierten Hüllen einer mit Sklaverei verdienten Barockfassade entstanden ist. Und das auch noch unter einer ebenfalls wieder errichteten Kuppel, auf deren rundum laufende Tambour-Inschrift wie zu Zeiten von Friedrich Wilhelm IV. geschrieben steht: „Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.” Diese Inschrift wurde übrigens durch eine Millionenspende der Versandhaus-Erbin Maren Otto finanziert. Es ist, finde ich, ein fürchterlicher kulturpolitischer Fauxpas, im 21. Jahrhundert ein Ethnologisches Museum zu errichten, das von einem Kuppelspruch bekrönt wird, in dem die christliche Vorherrschaft über die Welt formuliert wird. Das soll das wichtigste kulturpolitische Projekt der Bundesrepublik sein? Man kann nur froh sein, dass mit Eröffnung des Humboldt Forums die Restitutionsdebatte um geraubte Exponate heiß gelaufen ist und somit eine kognitive Dissonanz erzeugt wurde.

Was macht diese Rekonstruktionsprojekte für Rechte attraktiv, dass sie sich so stark für sie engagieren?

Ich habe ja bereits die Sehnsucht nach einer vermeintlich guten alten Zeit erwähnt, in der die Welt scheinbar noch in Ordnung war — jedenfalls aus männlicher und weißer Perspektive. Aber es geht noch um mehr, nämlich um das, was Björn Höcke in seiner berüchtigten Rede von 2017 als die „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ beschrieben hat und Alexander Gauland mit seinem „Fliegenschiss“-Kommentar meinte: also um den von rechts so sehr ersehnten „Schlussstrich“. Meine Disziplin der Architektur und Stadtplanung muss sich noch intensiver damit auseinandersetzen, dass sie die Schlussstrich-Disziplin schlechthin ist. Nirgendwo sonst ist gebauter Revisionismus ein so selbstverständlicher Teil der Profession wie in der Architektur.

Ist hinsichtlich der Geschichtsaufarbeitung etwas versäumt worden, was jetzt den Zugriff auf rechte Räume erleichtert?

Was die Entstehung von rechten Räumen sicherlich erleichtert, ist das Verständnis von Architektur als autonomer Kunstform — womit gemeint ist, dass sich ein architektonisches Konzept nur anderen architektonischen Konzepten verdanken würde. Dem ist aber nicht so. Es gab unter dem Zeichen der Postmoderne sehr viele Versuche, die Architektur, die etwa auch im Nationalsozialismus entstanden ist, unter rein formalen Gesichtspunkten zu betrachten. Das ist fatal. Man muss bei jeder Architektur immer die Entstehungsbedingungen mitdenken. Das heißt, ganz konkret sich zu vergegenwärtigen, woher denn eigentlich die Natursteinfassaden für viele NS-Bauten kommen. Die Antwort auf diese Frage lautet dann zuweilen, dass viele Baustoffe sich Zwangsarbeit „verdanken“, etwa den Steinbrüchen des Konzentrationslagers Flossenbürg.

Was bedeutet dies alles für einen zivilgesellschaftlichen Umgang mit rechten Räumen? Wo besteht die Möglichkeit „reinzugrätschen“ in die rechte Kulturpolitik?

Ich empfehle einerseits die Strategie der Offenlegung und zweitens die der öffentlichen Debatte. Alleine schon die Tatsache, zu benennen, wer die erste politische Initiative zur Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt betrieb, dürfte mit dazu geführt haben, dass sich bei einigen Zeitgenoss*innen der Wahrnehmungsrahmen leicht verschoben hat. Eine andere Strategie, die vielleicht auch auf der Hand liegt — vor der ich aber warnen möchte — lautet „sprengen“. Das Sprengen war, wenn wir uns konkret den Umgang mit NS-Hinterlassenschaften anschauen, ein sehr schneller, und vielleicht auch ein psychohygienisch nachvollziehbarer erster und sehr affektiver Weg, mit der Vergangenheit umzugehen. Ich vermisse Bauwerke wie die „Totentempel“ auf dem Königsplatz in München oder die in die Luft gejagten Teile der Zeppelintribüne in Nürnberg keineswegs, würde aber davor warnen, von der Option „Sprengung“ allzu häufig Gebrauch zu machen. Das Sprengen mag eine erste schnelle Lösung sein, führt aber meistens zum Unbewusstwerden von Verbrechen. Wichtiger erscheint mir doch die verhaltene Pflege dieser Gebäude — um sie als Andockpunkte zu verwenden für kritische Erzählungen.

Vielen Dank für das Interview.

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